Zwei Wochen ist es jetzt her, dass meine Mutter gestorben ist. Meine Schwester Helga und ich haben beschlossen, ihren letzten Wunsch zu erfüllen und sie bei ihrer Mutter begraben zu lassen. Dort, wo sie den Großteil ihres Lebens verbrachte. In Fels am Wagram. Ein verschlafens Provinznest, das nur durch den Glykolskandal traurige Berühmtheit erlangen konnte. Ich bin zwar da geboren, aber mehr als ein paar Buchstaben in meiner Geburtsurkunde sind das für mich nicht. Mit Heimat verbinde ich etwas ganz anderes.

 

Diese zwei Wochen waren die schlimmsten die ich je erlebt habe. Nichts, wirklich nichts, kann da noch kommen. Ich stehe vor den Trümmern meines Lebens. Meine Ehe, von der ich sicher war, dass sie bis an mein Lebensende halten wird hat sich in nichts aufgelöst. Und ich war nicht in der Lage in der letzten Nacht bei meiner Mutter zu bleiben. Ich habe genau gewußt, dass sie sterben wird und ich bin trotzdem gegangen.

 

Jetzt sitz ich im Auto und fahr in dieses Provinznest. Christine, meine Ex-Frau fährt auch mit. Ich hab ihr freigestellt, ob sie mitkommen will oder nicht. In meiner Familie weiß noch niemand, dass wir geschieden sind und wir werden es heute auch niemanden sagen. Sie sagt, sie ist das meiner Mutter schuldig. Das freut mich. Franziska ist selbstverständlich auch dabei.

 

Schon im Auto kann ich die Tränen nicht zurückhalten. Es fällt mir schwer auch nur irgendeine Form von Konversation zu betreiben.  Die Musik trägt das ihre dazu bei. Ich hab den Blues. Zeitweise seh ich gerade noch gut genug aus den Augen um auf der Straße zu bleiben. Eine ganze Familienpackung Feh wird heut nicht ausreichen.

 

Für zwei Uhr ist die Seelenmesse angesetzt. Um eins sind wir schon dort. Außer uns ist noch niemand da. Gleich neben der Kirche ist die Aufbahrungshalle. Ich kann mich noch erinnern, dass die Toten in Urzeiten bis zur Beerdigung im Haus aufgebahrt wurden. Das hätt ich nie im Leben ausgehalten. Wir gehen in den kleinen Raum. Links und rechts Sessel. In der Mitte der Eichensarg. Daneben Kerzen. Um alle Wege hier hat sich meine Schwester gekümmert. Ich habe dafür die Formalitäten ich Wien erledigt. Ich war noch nie so froh eine Schwester zu haben. Da war jemand, der meinen Schmerz verstand.

 

Ich muß sofort wieder rausgehen. Christine versucht mich zu trösten, aber da gibt es nichts zu trösten. Ich geh einige Schritte weg. Ich muß allein sein. Nein, eigentlich will ich nicht allein sein. Ich dreh mich um, gehe allein in die Halle und verschließe die Tür hinter mir. Jetzt bin ich allein – allein mit meiner Mutter. Ich bin alles andere als ein gläubiger oder spiritueller Mensch, doch jetzt spür ich, dass ich nicht allein bin und nie wieder allein sein werde. Hier und jetzt kann ich mit mir und ihr meinen inneren Frieden wieder finden. Ich weiß nicht mehr, wie lange ich da drinnen war. Keine Ahnung, ob es fünf, zehn oder zwanzig Minuten waren.

 

Doch ab dem Zeitpunkt, indem ich wieder ins Freie komm, läuft alles wie in einem schlechten, kitschigen Film ab.

 

Es ist ein eiskalter, klarer Novembertag. Die Herbstsonne scheint ohne Wärme auf uns herab. Ich hab mir jetzt die dunkelsten Sonnenbrillen aufgesetzt die es nur gibt und werd sie auch nicht mehr abnehmen. Nach und nach kommen Verwandte und Bekannte. Die älteren Dorfbewohner, mit denen meine Mutter teilweise in die Schule gegangen ist oder gearbeitet hat kommen auch. Die Dorfmusik hat Aufstellung genommen. In den dunkelbraunen Uniformen der freiwilligen Feuerwehr. Auch eine riesengroße Trommel ist dabei. Jeder kommt zu meiner Schwester und mir und drückt uns sein Beileid aus. Hört sich an wie ”Gesundheit”, wenn jemand niest. Kleine Gruppen formieren sich und stehen wie beiläufig in der Gegend umher. Alle machen betroffene Gesichter und tuscheln.

 

Einzig allein als die ”Anna-Tant” kommt erscheint mir alles wieder für einen kurzen Augenblick real. Die Tante Anna sieht meiner Mutter fast so ähnlich wie eine Zwillingsschwester. Die Bewegungen und die Art zu reden gleichen sich aufs Haar. Und auch sie ist ein herzensguter Mensch.

 

Jetzt kommt der Pfarrer aus der Kirche. Schwarze Soutane, weißer Kragen, violette Schärpe. Dahinter zwei Ministranten. Einer trägt ein Kreuz vor sich her, der zweite den Weihwasserkessel. Wir folgen Ihnen in die Aufbahrungshalle. Der Sarg wird von den Männern der freiwilligen Feuerwehr aufgenommen und ein Trauerzug formiert sich für die dreissig  Meter bis zur Kirche. Ich kann nicht mehr weinen. Zu unwirklich erscheint mir das alles.

 

Der Sarg wird in der Mitte vor der Sakristei aufgestellt und die Kirche füllt sich mit den Trauergästen. Meine Schwester und ich sitzen ganz vorne in der Mitte. Es wird sogar gesungen. Ich glaub Ave Maria. Ich hab fast den Eindruck der Pfarrer schaut mich bös an, weil ich die Sonnenbrille nicht abnehm. Die Zeit will einfach nicht vergehen. Und wenn ich dem Pfarrer zuhör,  weiß ich wieder ganz genau, warum ich nicht römisch-katholisch bin. All das Gerede vom lieben Gott und dem Sinn des Sterbens machen mich jetzt ganz krank. Und seine liebe Schwester Josefa war meine Mutter auch nicht. Meine Mutter hat Kirchen nur bei Hochzeiten und Begräbnissen von innen gesehen. Was mache ich hier.

 

Endlich. Die Erlösung für mich. Er ist fertig. Jetzt wieder die gleiche Prozedur wie in der Aufbahrungshalle. Hinter dem Sarg formiert sich die Musik und der Leichenzug. Es sind vielleicht 300 m bis zum Friedhof. Der Trauermarsch von Beethoven. Ist wirklich wie im Kino. Auf dem Friedhof muß ich vor dem offenen Grab nochmals eine Predigt über mich ergehen lassen. Ich seh dem Priester über die Schulter. Aus einem Buch ”Trauerreden” liest er markierte Textstellen ab. Ich kann noch andere Stellen erkennen, die er sich offensichtlich für andere Gelegenheiten aufspart. Zum Glück dauerts hier nicht so lang. Der Sarg wird ins Grab gelassen. Meine Schwester ist die Erste. Sie hat Rosen mitgebracht und mir auch eine gegeben. Sie wirft sie dem Sarg nach. Offensichtlich hat sie ihren Frieden noch nicht gefunden. Ich bin der Nächste. Die Rose zuerst, danach das obligate Schauferl Erde und das Trinkgeld für den Totengräber. Ich schau, dass ich ganz weit weg komm. In den hintersten Winkel des Friedhofs. Ich mag nicht schon wieder hören wie leid es allen tut, dass meine Mutter gestorben ist. Der Friedhof ist ganz einfach nicht groß genug. Ein paar Verwandte und Bekannte schaffen es doch, mir ihr Mitgefühl auszusprechen. Ich lasse es wortlos über mich ergehen.

 

Jetzt noch der Leichenschmauß. Das werd ich auch noch überleben.

 

Schon wieder dieses Lied. Eigentlich will ich die Abrechung von gestern kontrollieren. Unwillkürlich und ohne nachzudenken habe ich den CD-Player aufgedreht. Sittin´ on the dock of the bay. Jetzt ist es gerade eine Woche her, dass meine Mutter begraben wurde. Diesen Song werde ich immer mit diesem Ereigniss verbinden. Weiß der Teufel warum. ”I have nothin to leave for and look like nothing gonna come back again”

 

Am 3. November ist sie gestorben. Ein Dienstag. Am Montag nachmittag davor ruft meine Schwester an und teilt mir mit, dass unsere Mutter ins Floridsdorfer Spital eingeliefert wurde und sie gleich hinfährt. Bei mir im Auto sitzen meine Ex und meine Tochter. Ich verspreche, dass ich so schnell als möglich auch kommen werde, liefere die beiden irgendwo ab – wo weiß ich nicht mehr – und fahre unter Mißachtung der STVO ins Spital. 1. Stock, Zimmer 112. Meine Schwester ist schon da. Ich habe meine Mutter ja noch heute in der früh gesehen, ihr die Zeitung gebracht, kontrolliert, dass sie ihre Tabletten nimmt und nach dem Rechten gesehen. Wie jeden Tag. Da war ihr ein wenig schlecht, aber sonst war alles in Ordnung. Ich bin erschüttert. Die falschen Zähne hat man ihr aus dem Mund genommen. Sie sieht extrem abgemagert aus. Aber das ist es nicht. Alte Menschen sind eben nicht immer ein erfreulicher Anblick. Das bin ich schon von der Krankheit meines Vaters gewohnt. Das war dem Ende zu noch schrecklicher zum Anschauen.

 

Nein das erschütternde ist was sie tut und sagt. Sie sitzt aufrecht im Bett, fest die Hand meiner Schwester haltend und sagt: ”I wüll ham, losts mi ham geh, I wüll zu meiner Muatter”

Irgendwie hab ich es dann geschafft mich dem Bett zu nähern. Ich seh die Augen meiner Schwester – und ich muß meine schließen – ich kann nicht mehr hinschauen. Blind greife ich nach der anderen Hand meiner Mutter. Und immer wieder ”I wüll zu meiner Muatter”. Ich seh ihr jetzt ins Gesicht und versuche herauszufinden ob sie weiß wer ich bin. Offensichtlich kann sie uns noch erkennen und weiß wer wir sind. ”Loßts mi net allan. I wüll mit ham zur Muatter – nur ned allan loßn”. Wie lang wir dort gesessen sind weiß ich nicht mehr genau. Die Stunden am Bett waren unerträglich lang und unerträglich grausam. Irgendwann haben wir dann vereinbart, dass ich jetzt nach Hause fahre und meine Schwester noch bleibt. Ich werde dann morgen in der Früh, so zeitig als nur möglich wieder ins Spital kommen. Den ganzen Heimweg über hab ich ihre letzten Worte ihm Ohr – ”I mog ned dobleibn – I mog zur Muatter – nemmts mi mit”.

 

Es kam wie ich erwartet habe. Um 6.00 Uhr früh läutet das Telefon und meine Schwester erzählt mit tränenschwerer Stimme vom Anruf aus dem Spital.

 

Unsere Mutter ist um 5.30 Uhr gestorben. Wir vereinbaren, uns um 8.00 Uhr im Spital zu treffen um die Formalitäten zu erledigen. Kaum aufgelegt, kommt der Hammer. Ich hab zwar damit gerechnet – immerhin ist sie 86 Jahre alt geworden und niemand lebt ewig – trotzdem will ich es nicht glauben. Tränen rinnen über meine Wangen. Und ich hör ihren letzten Satz nochmals ganz deutlich. ”I mog ned dobleibn – I mog zur Muatter – nemmts mi mit” – und ich bin nach Hause gangen.

 

”Sittin here and rasting my bones”. Damit werde ich den Rest meines Lebens leben müssen. Und ich bin mir auch nicht sicher ob ich nicht mit meiner eigenen Schwäche mehr unglücklich bin als mit dem Verlust meiner Mutter. In diesem Augenblick hasse ich mich dafür, nicht die ganze Nacht im Spital geblieben zu sein. Ihr ein menschliches Sterben zu ermöglichen und bei ihr zu sein war das mindeste was ich ihr schuldig war für alles was sie für mich getan hat.

 

Ich kann meine Tränen schon wieder nicht zurückhalten. Und alles nur wegen diesem Lied.

Ob ich wohl mein ganzen Leben immer werd flennen müssen, wenn ich das höre? Ich steh auf und hole mir eine andere CD – so komm ich nämlich nie zum arbeiten. Die Beatles sind ok – here comes the sun. Zwar äußerst unpassend für Mitte November – aber wenigstens positiv.

Ist immer wieder erstaunlich für mich, wie sehr ich mich mit der richtigen Musik in eine andere Stimmung versetzten kann.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*
*
Webseite