ich hab hier und heute für euch das 1. kapitel meines unvollendeten krimis

viel spass beim lesen und ich freu mich, über jede art von feedback

 

 

bis auf die strasse sind die leute angestellt.

sowas hat er noch nicht erlebt.

dabei geht er schon seit menschengedenken hierher. jeden morgen holt er sich hier seine zigaretten und seine zeitung.

natürlich ist die trafik nicht riesengross. und die frau navratil ist auch nicht mehr die schnellste. und einem kleinen plauscherl mit ihren liebsten stammkunden ist sie auch nicht abgeneigt. wobei es so ist, dass die frau navratil nur liebste stammkunden hat. besonders eilig sollt man es also nicht haben bei der frau navratil. wenn dann doch, legt die navratil zigaretten und zeitung einfach auf die pudel ohne ihre aufmerksamkeit vom gerade allerliebsten stammkunden ablenken zu lassen.

nichts, aber absolut nichts, bringt sie aus der ruhe.

zumindest bis heute.

 

heut ist alles anders.

grad grüssen tut sie. die frage nach dem wohlbefinden des hansi-burli unterbleibt. und auch auf die neuesten informationen über den stand der beziehung zwischen der alten schober und dem noch älteren braunhuber vom fünferhaus muss heute verzichtet werden. sogar der muki findet keine beachtung. und immerhin ist der muki der absolute mittelpunkt im leben von der frau navratil. der muki ist ihr kleiner mischlingshund undefinierbarer farbe. irgendwo zwischen sehr schmutzigem weiß und einem sehr grauen schwarz. alle rassen auf wiens strassen, vereinigt euch. das dürfte das motto von mutter natur bei der entstehung von muki gewesen sein. haxen wie ein dackel, einen schweif wie ein schäfer, das fell von einem pudel, die ohren von einem boxer, schauen tut er wie ein rotweiler und das gemüt hat er von einem dobermann. oder so ähnlich. und ausserdem ist er mindestens schon so alt wie die frau navratil selber.

und wie´s bei stolzen, liebevollen hundebesitzern halt so ist, ist das befinden des schutzbefohlenen halt das wichtigste. und normalerweise wird die informationspflicht gegenüber ihren lieblingskunden über das fress- und verdauungsverhalten vom muki von der frau navratil an die erste stelle jeder kommunikation gestellt.

 

nur heute nicht.

heut ist alles anders.

kaum ist vorne einer aus der schlange der wartenden verschwunden reihen sich hinten zwei neue ein.

auch unter den wartenden ist eine gewisse unruhe zu spüren.

alle – wirklich alle – zeitungen haben auf den titelseiten nichts anderes.

schlagzeilen so gross wie noch nie.

in den nachrichten, im tv und radio, kommen naturkatastrophen, kriege, börsepleiten und andere schweinerein erst hinter dem bevorstehenden, noch nie dagewesenem ereignis.

 

und das alles wegen sechs zahlen!

 

schon siebenmal hintereinander hat niemand die richtigen sechs kreuzerln auf einem lottoschein gemacht.

und deshalb ist das ganze land meschugge.

 

dabei kann´s doch gar nicht so schwer sein, sechs zahlen zu erraten. die müssen noch nicht einmal in der richtigen reihenfolge sein.

und dafür gibt´s dann einen patzen geld.

 

genau das denkt er sich, als er endlich bis zur frau navratil vorgedrungen ist.

 

„6,7,8,15,23,41 – ohne joker! einen standard und ein packerl golden smart“

„5,60“ sagt die frau navratil und ist mit der aufmerksamkeit schon wieder beim nächsten in der warteschlange.

 

und er schlendert mit zeitung, zigaretten und lottoschein in der tasche beschwingt nach hause und freut sich im bewußtsein bald schwer reich zu sein, schon auf´s frühstück.

 

 

dann, daheim, ist er sich schon nimmer so sicher, dass das was wird mit gewinnen. schließlich hat er noch nie etwas gewonnen oder bei irgendetwas glück gehabt.

aber ein letzter rest von seinem unerschütterlichen, ja kindlichem, in naivität mündenden optimismus ist ihm selbst bei der ihn umgebenden tristesse geblieben.

daheim, das ist eine zimmer, küche, kabinett-wohnung mit klo am gang in einem abgewohnten zinshaus aus der jahrhundertwende. um die eine ecke den brunnenmarkt und um die andere der gürtel.

an guten tagen ist die luft voll mit den düften von exotischen gewürzen und speisen. musik, kinderlachen und die diskussionen der alten männer mit den dunklen bärten verlegen seine wohnung um einige breitengrade weiter südlich.

an den schlechten tagen, speziell den nächten, und die sind in der überzahl, mischt sich der geruch von verfäulten lebensmitteln mit dem diesel- und bezingeruch vom gürtel. das piepsen von retourfahrenden lkw´s, die motoren von den bei den huren haltenden autos, das gegröle von ein paar besoffenen und die streitereien aus den zuhälterlokalen liefern den passenden sound.

aber in der küche hängt ein alter durchlauferhitzer, sorgt für warmes wasser und wenigstens muss er das wc nicht mit jemanden teilen.

da ist er wieder, sein optimismus.

 

während er, so wie jeden tag, mit grosser sorgfalt aus der eduschodose eine genau bemessene menge lavazzakaffee in das sieb seiner espressomaschine – ein letzter luxus der ihm geblieben ist – umfüllt, denkt er wieder an den lottoschein.

 

6.

sechs – sex

obwohl er natürlich weiß, wie blöd und verbraucht diese buchstabenspielerei ist entkommt er ihr nicht. ein leichter grinser entkommt ihm, als er sich dabei selber erwischt in die älteste und dümmste assoziationsfalle zu tappen. natürlich denkt er öfter an sex. und wie das war. haben tut er schon seit einiger zeit keinen mehr. ausser mit sich selber.

aber dieser 6er steht nicht für irgendwelche unkontrollierten triebe aus seinem kleinhirn, sondern schlicht und einfach für die sechs jahre die er nun schon allein ist.

 

  1. 8.

ganz banal: siebenter august. sein geburtstag.

 

15.

fünfzehn jahre war er verheiratet. fünfzehn schöne jahre. zumindest für ihn. für sie kanns wohl nicht ganz so schön gewesen sein. sonst wär sie ja nicht weg. warum weiß er noch immer nicht.

 

23.

warum eigentlich dreiundzwanzig? dazu fällt ihm gar nix ein. ein dringender ruf aus seinem unterbewußtsein? war irgendwas mit dreiundzwanzig? eine von vielen fragen, auf die er keine antwort hat.

 

41.

wieder ganz banal. vor einundvierzig jahren hat er das licht dieser welt erblickt.

 

während sich braunes pulver und heisses wasser zum kaffee vereinen zündet er sich die erste golden smart des heutigen tages an.

ein tiefer zug versorgt den organismus mit nikotin und kleistert wieder ein paar lungenbläschen mit teer zu.

 

„was werd ich mir als erstes von dem vielen geld leisten?“

 

denkt er sich, während er in die zeitung starrt ohne die buchstaben, wörter, sätze wahrzunehmen. auch der griff zum kaffeehäferl erfolgt ohne bewußte absicht und rein mechanisch.

 

natürlich!

eine menschenwürdige wohnung. am besten ein penthouse. vielleicht sogar eine villa im grünen. am besten in der toscana. ein auto. oder zwei. fetzen von armani und zenga. und natürlich die obligatorische traumreise. karibik oder malediven. weisser sand und blaues meer, palmen und wolkenloser himmel.

 

er blättert in der zeitung und verläßt seine tagträume vom luxus wieder.

war da was an der tür?

jetzt, nicht nur körperlich, sondern auch gedanklich wieder in der substandardwohnung im tiefsten ottakring, vernimmt er das, an seiner tür seltene, geräusch des klopfens.

wer kann um diese uhrzeit etwas von ihm wollen?

wer kann überhaupt was von ihm wollen?

 

die hausmeisterin!

sein voller mistsack neben dem überfüllten mistkübel. das kann sie überhaupt nicht leiden. und jetzt will sie ihrem ärger luft machen. in IHREM haus duldet sie keine unordnung. mag vor dem haustor auch der balkan anfangen. hier, hinter dem tor herrschen zivilisierte zustände. die türdacken liegen in reih und glied, werden die schmutzigen schuhe nicht am gang geputzt und der mist gehört in den mistkübel. nicht daneben!

aber „die huber“ kann es eigentlich nicht sein. die steht jetzt bei der navratil und geht da vor zehn nicht nach haus. die will ganz genau wissen, wer wieviel geld in den grossen jackpot investiert und ihr so ihren zukünftigen reichtum streitig machen will!

 

sein nächster gedanke: der gerichtsvollzieher.

der ist in den letzten jahren in unschöner regelmässigkeit bei ihm vor der tür gestanden und nahezu ein guter bekannter geworden.

aber der weiss ja, dass bei ihm nichts mehr zu holen ist.

die letzten male hat er sich sogar telefonisch angekündigt und einen „termin“ vereinbart. aufgeschrieben, dass keine wertvollen, pfändbaren „fahrnisse“ vorhanden sein, die einladung auf einen kaffee, die espressomaschine hatte er also offensichtlich auch aus sehr eigennützigen gründen „übersehen“, angenommen und mit ihm über musik, literatur, kunst im allgemeinen und die steuergesetze diskutiert. schwarzinger, so heißt der exekutor, hat so überhaupt nichts mit dem gemein, was man sich so unter menschen mit einem derart unangenehmen beruf vorstellt.

und der steht jetzt sicher nicht vor der tür und klopft.

 

der postler?

schon lange bekommt er keine persönliche post mehr. nur werbezusendungen und alte rechnungen. einer der gründe, warum er kein „bitte keine werbung-pickerl“ angebracht hat. nur erlagscheine wäre gar zu deprimierend. und mit den bunten „kauf-mich-aufforderungen“ hat er zumindest eine kleine verbindung zur konsumwelt und kann sich die illusion des eigentlichnichtwollens aufrechterhalten.

ausserdem klopft der briefträger nicht für irgendwelche normale post. nur für amtliche oder eingeschriebene briefe. also vielleicht doch etwas ausserordentlich wichtiges, dass ihm da ins haus steht.

aber der postler kommt doch nicht um diese uhrzeit!

also der postler ist es definitiv auch nicht!

 

wer dann?

die polizei fällt ihm noch ein.

was kann die polizei von ihm wollen?

er hat nichts verbrochen und trotz diesem bewußtsein macht sich ein flaues gefühl im magen breit.

ein unbezahltes strafmandat für falsches parken aus der zeit in der er noch ein auto sein eigen nannte? die kronen zeitung vom letzten sonntag die er prinzipiell ohne den geforderten obolus der plastiktasche entnimmt?

aber deswegen kommt doch nicht die polizei.

 

neuerlich, und nun lauter und heftiger der klopfton an der tür.

langsam und unsicher bewegt er sich die paar schritte um die tür zu öffnen. und dass er sie öffnen muss, steht für ihn fest.

guckerl hat er keines. also kann er sich auch keinen fast heimlichen blick nach aussen verschaffen.

er muss die tür öffnen.

und bei allem unbehagen, was ihn da erwarten wird, will er wissen, was das ist. und wer da ist.

also greift er zu schnalle drückt sie runter und zieht die tür auf.

 

„sei willkommen dem herrn! dürfen wir ….“

weiter kommt er nicht. sie sind zu zweit. wie üblich. unscheinbare gestalten mit dem „leuchtturm“ in der hand.

„nein! danke!“

schneller als die tür offen war, ist sie nun wieder geschlossen.

nicht einmal eine chance auf ein eventuelles „grüß gott“, oder „friede sei mit deiner seele“ hat er ihnen gelassen.

unangekündigte besuche bringen immer beunruhigung mit sich.

das flaue gefühl in der magengegend über den unerwarteten, besuch wird verdrängt von etwas anderem.

verärgerung kriecht in ihm hoch.

 

wegen soetwas wird seine morgendliche frühstückszeremonie gestört.

was er jetzt so überhaupt nicht brauchen kann ist die erlösung aus den irdischen höllenqualen durch weise sprüche.

überhaupt: erlösung!

wovon?

wofür?

durch wen?

 

auch wenn diese, seine, wohnung eigentlich ein loch ohne tageslicht ist, möchte er sie nicht tauschen mit der aussicht auf das fegefeuer. immerhin hat er eine zeitung, zigaretten, eine espressomaschine, warmes wasser und ein clo für sich allein. und erbsünde nennt er auch keine sein eigen. geerbt hat er ohnehin noch nie etwas. also auch keine kollektive schuld. und die von ihm ohne zweifel begangenen sünden büßt er winters auf der kalten brille seines gangklos ab.

den glauben an ein weiterleben nach dem tod hat er sich gründlich abgewöhnt.

tod ist tod.

 

„gott ist nichts anderes als ein nebenprodukt der gehirntätigkeit!“ und sein gehirn hat keine zeit für nebentätigkeiten, ist vollauf damit beschäftigt ihn am leben zu halten.

 

überhaupt „unsterbliche seele“! auch bloß eine erfindung um sich nicht mit der eigenen vergänglichkeit auseinandersetzen zu müssen.

er hat keine „seele“.

und natürlich auch keine aura. schon gar keine die sich fotografieren liese. da schimmert nix um ihn herum in schillernden farben.

 

und wie die sterne stehen ist ihm auch ziemlich wurscht. ob der steinbock im merkur steht oder der zwilling im wassermann spielt maximal für den wassermann eine rolle, wenn einer von den zwillingen auf seinem grossen zeh platz nimmt.

der mond in seinen phasen, da oder nicht oder schon wieder da oder schon wieder weg, erinnert ihn bloß an unliebsame politiker.

 

der gedanke an die wiedergeburt verursacht ihm sogar körperliches unbehangen. die vorstellung als wurm am hacken seinen lebenssinn zu erfüllen kann wohl selbst dem frömmsten nicht als erfüllung erscheinen. obwohl er auch das fischsein nicht als erstrebenswerter erachtet.

beim billa in der tiefkühltruhe als fischstäbchen oder gar als fischmac zu enden erheitert in allerdings wenn er daran denkt, der dolly buster nach deren ableben auf diese art in den busen beissen zu können. geschmacklich wird sich da nicht viel ändern. künstlich bleibt künstlich.

 

überhaupt hält er die sehnsucht nach einem höheren wesen, egal ob das jetzt jehova, allah, jesus, wotan oder zeus heißt, nur für das bedürfnis andere und wenns geht jederzeit greifbare und ansprechbare instanzen, verantwortung für das eigene leben übernehmen zu lassen.

 

überhaupt hält er religion und noch viel schlimmer, esoterik und deren auswüchse für krücken.

krücken für jene, die nicht in der lage sind das eigene leben aufrecht auf den eigenen beinen und in eigenbestimmung zu durchschreiten.

 

er geht aufrecht.

jetzt einmal wieder zu dem tisch, auf dem sein kaffeehäferl, mit dem in der zwischenzeit sicher kalten kaffee, steht.

sein ärger über die störung beim frühstück steigert sich noch durch den ärger über den kalten kaffee und die ungeraucht verbrannte zigarette. wieder haben sich 20 cent sinnlos in luft aufgelöst.

„heut werden´s wieder mehr als die geplanten zwanzig“ denkt er sich beim anzünden des nächsten tschick.

„wie kommen die überhaupt dazu, mich missionieren zu wollen?“

er ist in seinem leben ausreichend missioniert worden. jeder dieser versuche hat spuren in seinem hypo campus hinterlassen.

er wird missionierungen jedweder art nie wieder hin nehmen.

und schon gar nicht von leuten mit dem leuchtturm in der hand.

da noch lieber ein besuch vom gerichtsvollzieher.

 

nach einem schluck vom – natürlich! – kalten kaffee fällt sein blick wieder auf die zeitung. und auf den neben der zeitung liegenden lottoschein.

sechs simple zahlen.

das ist seine erlösung.

und da bedarf es keiner übersinnlichen, ausserirdischen, allmächtigen gottheiten.

allerdings empfindet er das warten auf die sonntägliche ziehung als parallele zur katholisch implizierten vorhölle des fegefeuers.

ihm ist auch durchaus bewußt, dass diese bildgebung auch ein abtauchen in die tiefen, heißen abgründe lucifers in form anderer zahlen beinhaltet. näher jedoch ist ihm die vorstellung vom paradies erwartet und aufgenommen zu werden.

 

angelangt bei den seiten mit den börsekursen muss er wieder an sein geld denken und den sich anbahnenden möglich- und notwendigkeiten.

aktien, anleihen, gold, optionsscheine, immobilien.

tief und gierig saugt er an seiner golden smart.

und wieder geht ein teil seiner lungenkapazität unwiderruflich verloren. mit jedem zug nähert er sich unaufhaltsam seinem ende. lungenkrebs, herzinfarkt, raucherbein und all die anderen grauslichkeiten die ihm da bevorstehen sind ihm voll bewußt. aber er denkt sich, dass er dann wenigstens weiß, woran er zu grunde gegangen ist. immer noch besser als von einem auto überfahren zu werden. ausserdem sieht er keinen grund sein leben künstlich in die länge zu ziehen. er wird niemandem abgehen. es wird niemandem auffallen, wenn er einmal nimmer da ist. der navratil vielleicht. aber auch da ist er sich nicht sicher.

wieder pumpt er sich die lungen mit dem gemisch aus teer und nikotin voll.

sein blick fällt auf das rosa papier mit den schwarzen zahlenkolonnen.

wenn er sich´s recht überlegt, kommen da eine menge schwierigkeiten auf ihn zu. das viele geld wird ihm neue pflichten auferlegen damit sorgsam und verantwortungsbewußt umzugehen.

verantwortlichkeiten die er mit der trennung von seiner frau hinter sich gelassen glaubte.

 

er traut seinen ohren nicht.

klopft´s da schon wieder an der tür?

eindeutig.

dasselbe penetrante klopfen wie vorhin.

geben die denn nie auf?

und schon wieder.

nun deutlicher und heftiger.

 

sein bereits verflogener ärger verwandelt sich augenblicklich in einen heiligen zorn.

der sessel auf dem er sitzt fällt beinahe um, so heftig steht er auf und geht zur tür.

na denen wird er jetzt was erzählen.

was bilden die sich eigentlich ein? haben die überhaupt keinen respekt vor seiner morgendlichen ruhe? er hat schon geglaubt, deutlich genug nein gesagt zu haben. aber offensichtlich waren die zwei da draussen durch ihre göttliche mission geblendet und terrisch.

 

die tür ist noch nicht einmal ganz offen und er schreit schon, ohne auch nur einen blick auf eine eventuelle veränderung davor geworfen zu haben:

„schleicht´s eich, es gfraster!“

 

aber weil er sich nach dem schreien, dem schauen doch nicht enziehen kann sieht er jetzt in die grossen, wunderschönen, braunen augen von der neuen mieterin über ihm.

und diese augen in einem eher dunklen, klassisch schön geschnittenem gesicht, umrandet von noch dunkleren, nahezu tiefschwarzem, schulterlangem haar, schauen in jetzt entgeistert, verunsichert und ein bisserl verängstigt an.

 

vor einer woche ist sie eingezogen in die wohnung über ihm. genau so gross oder klein wie die seine. ganz genau beobachtet hat er wie sie ihre wenigen habseligkeiten mit hilfe eines etwa gleichaltrigen mannes über die stiegen geschleppt hat. sie ist ihm gleich aufgefallen. eine frau, mit einem habitus, der in dieser gegend eher sehr selten anzutreffen ist. mittelgross, schlank, aber nicht dünn. und diese augen. und eher dichte augenbrauen. und bewegen tut sie sich mit einer grandezza, dass dagegen die elisabeth die zweite zum bauerntrampel verkommt.

 

jetzt steht sie vor ihm, schaut ihn immer noch gross an und bringt ob seiner grobheit kein wort heraus.

weisses t-shirt, offensichtlich kein bh, eine jean, die er mit dem kennerblick für marken, den er sich aus der zeit vor seinem crash bewahrt hat, als 501er identifiziert und die nackten füsse in ledersandalen.

 

bei so einem anblick tät er schon ohne die soeben passierte vorgeschichte in ehrfurcht erstarren. und jetzt ist alles noch viel schlimmer. irgendwas muss er jetzt sagen. er hat das dringende bedürfnis seine türöffnungssituation zu erklären und sein benehmen zu entschuldigen.

 

„äh“ beginnt er nicht besonders geistreich.

„das tut mir jetzt aber leid“ macht er weiter.

„das ist alles nur ein grosses missverständnis. sie müssen meine brüllerei entschuldigen. ich wollte in keiner weise unhöflich sein und sie wieder vertreiben“

 

sie steht unbeweglich da, schaut ihn aus den augen, in denen er sich gern verlieren würde an, und vergrössert seine unsicherheit dadurch nur noch.

 

„wissen´s“ macht er weiter „da waren grad ein paar zeugen jehovas da und ich hab geglaubt die stehen schon wieder vor der tür. und darum bin ich zornig geworden“

 

sie steht immer noch da und zeigt keine anzeichen irgendeiner reaktion.

versteht sie überhaupt, was er da sagt. spricht sie überhaupt deutsch?

 

„entschuldigung. ich wollte sie in keiner weise stören“

ihre stimme trifft mit einer frequenz in seine körpermitte, die unmittelbar wiederhall in seinen knien findet.

nein! nicht auch noch so eine stimme!

„aber ich komme gern ein wenig später wieder“

einwandfreies deutsch. wenn auch in seltsamerweise akzentfrei.

sie hat also verstanden, was er da als entschuldigung vor sich hingestottert hat.

 

„nein, nein. entschuldigen sie bitte meine unbeherrschtheit. das ist mir jetzt wirklich sehr peinlich“ hört er sich in einem seltsamen bemühen hochdeutsch und gewählt zu artikulieren. „was kann ich für sie tun?“

 

und wie er da so steht und sich diesen verlegenheitssatz sagen hört, wird ihm erst bewußt was da grad passiert.

da steht er vor der frau, die ihm seit einer woche nicht aus dem kopf geht, und das erste was er macht ist sie anschreien.

und ausserdem wie er ausschaut.

bei den zeugen jehovas war´s wurst. bei der huber, beim postler und der polizei wär´s auch wurst gewesen. und beim gerichtsvollzieher auch.

aber jetzt!

jetzt ist das überhaupt nicht wurscht!

 

da steht er vor seiner märchenprinessin und er hat so überhaupt nichts von einem prinzen an sich. und vom edlen ritter auf dem weissen pferd ist er auch sehr weit entfernt. nix mit einer strahlenden rüstung. nur ein alter, ausgewaschener, abgenudelter, blauer trainingsanzug aus den siebzigern mit drei streifen.

 

und während sie ihm in einer für ihn eigenartiger kombination aus hörbar grammatik- und rechtschreibfehlerfreien sätzen erklärt, dass ganz offensichtlich die hauptsicherung für ihre wohnung, die sich in einem sicherungskasten, der sich auf dem gang befindet, ihrer bestimmung nachgekommen ist, einen gröberen schaden an der neuen waschmaschne vermieden und dabei aber die stromzufuhr für die gesamte wohnung abgeschnitten hat, rekonstruiert sich in seinen gehirnwindungen sein albtraum des unerfüllbaren bildnisses vom ihrerseits begehrten märchenprinzen.

 

dieses idealbild seines nicht-seins schleicht sich aus seinem unterbewußtsein in seine großhirnrinde.

 

zu genau glaubt er zu wissen, was frauen wie diese, aber auch weniger prinzessinnenhafte, an männern suchen um sie in den ritterstand zu adeln.

schon rein äusserlich kann er mit den von film, fernsehen und vor allem werbung vorgegebenen standards nicht mithalten. fehlen ihm zu der gewünschten mindestgrösse doch einige zentimeter. nicht das er zwergenwüchsig wäre. aber auch einssechzig grosse frauen forderten in seinem prinzenbild einen aufschaufaktor von wenigstens zwanzig zentimetern. waschbrettbauch und knackarsch als selbstverständlichkeit äusserer anziehung, breite schultern und cloony, pitt, depp oder conneryhafte gesichtszüge setzen diesem künstlich produzierten mann dann die krone auf, die ihn zum märchenprinzen macht. ein robbieähnliches lächeln sind dann nur noch die perlen in dieser krone.

 

umgekehrte ansprüche von männern an gewisse körperliche pamelahaftigkeiten machen dann aber augenblicklich wieder machohafte frösche oder kröten aus ihnen.

 

nein, so ein, einem cola-light-märchen entsprungener, prinz sollte, ja muss, über die rein visuellen attribute hinaus einer quellekatalog dicken anforderungsliste entsprechen.

regelmässige körperpflege inkl. finger- und zehennägel, der gebrauch eines deos, und der nichtgebrauch weisser socken, ebenso wie der abstand zu dicken goldenen ketten um brust und handgelenk sind da noch die am leichtesten zu erfüllenden punkte.

 

die berühmten „inneren werte“ stellen abgesehen von cholesterin- und leberwerten (schwierigkeiten hätte er vielleicht nur mit einem beizubringenden lungenröntgen. aber das will er gar nicht wissen) schon eine deutlich höhere hürde dar.

mit herzensbildung, hirn und humor umschriebene fähigkeiten die mit treue, verlässlichkeit, respekt, anteilnahme und familientauglichkeit ergänzt ein feuerwerk von strahlenden sternen in den himmel der glückseligkeit jagen.

 

und zu guter letzt der für ihn unüberwindbare berg des monetären erfolges. allen gegenteiligen beteuerungen zum trotz, ist er sich sicher, dass so ein, an aufmerksamkeit und interesse nicht zu überbietendes, gespräch mit der begehrten, in einem stilvollen restaurant mehr wirkung erzeugt, als beim branntweiner um´s eck. er sich sicher, dass ein verführungsversuch eher von erfolg gekrönt sein wird, wenn der rahmen ein altes bauernhaus in der toscana, oder eine villa mit blick auf´s meer ist. eine zimmer-küche-kabinett-wohnung beim brunnenmarkt, mit clo am gang in der der einzige luxus eine espressomaschine ist, und in der alles mögliche stinkt, nur nicht der mist, den ein weisses pferd verursacht, läßt alle strahlenden lichter eines vorgeblichen feuerwerks so schnell verlöschen wie sie in den himmel geschossen wurden.

 

und während sich dieser übergrosse schatten des imaginären märchenprinzen in seinem denken breit macht und ihm seine unzulänglichkeiten aus den hintersten verstecken seiner gehirnwindungen hervor holt, steht vor ihm „sein“ personalisiertes märchenprinzessinnenidealbild.

 

„….. und da dachte ich, dass sie vielleicht einen passenden schlüssel für den sicherungskasten haben“.

 

mühsam setzt er sich diese, durch seinen nebel an ängsten und vorurteilen in sein bewußtsein dringenden, wörter zu einem sinnvollen satz zusammen.

 

sicherungskastenschlüssel!

natürlich hat er einen.

gilt es doch des manchen, die vom e-werk demontierten sicherungen illegalerweise zu ersetzen, um bis zur behebung temporärer liquiditätsengpässe seine espressomaschine mit der notwendigen energie zu versorgen. eine in dieser gegend durchaus übliche und tolerierte praxis.

 

„da kann ich ihnen helfen“

und seiner stimme ist die erleichterung und freude über die folgende möglichkeit ihr behilflich zu sein deutlich anzumerken.

„und wenn es ihnen recht ist, komm ich gern mit und schau, ob etwas gröberes passiert ist“

er hat zwar so überhaupt keine ahnung von elektrizität, ausser dass er einen stecker von einem schalter unterscheiden kann, aber für die gelegenheit hier und jetzt einen kleinen zipfel vom ruhm des edlen ritters zu ergattern, tät er wahrscheinlich sogar vorgeben einen starkstromleitungsmast aufstellen zu können.

 

„das wäre ausgesprochen nett von Ihnen. ich habe leider überhaupt keine ahnung was passiert sein und wie ich einen eventuellen schaden beheben könnte.“

 

wieder dieser schwere treffer in seinen kniekehlen.

das hält er auf die dauer nicht aus. er ist dieser frau schon verfallen, bevor er noch irgendetwas von ihr weiß. selbst wenn sie eine serienmörderin wäre, die es ausschließlich auf arbeitslose versager aus ottakring abgesehen hätte, würde er jetzt mitgehen.

 

„einen moment noch. ich hol schnell den schlüssel“

sagt er, greift sich den schlüssel vom schlüsselbrett hinter der tür und macht dabei einen blick in den daneben hängenden spiegel. den trainingsanzug kann er jetzt ohnehin nicht mehr ändern. rasieren geht sich auch nicht mehr aus. und seine dunklen kräftigen haare bedürfen um in form gebracht zu werden mehr zeit als für sicherungskastenschlüsselholen glaubhaft erscheint.

egal.

 

er läßt seine türe ins schloss fallen, nicht ohne sich vorher vergewissert zu haben den eigenen wohnungsschlüssel in den tiefen der trainingshosentaschen verstaut zu haben. die angst sich selbst auszusperren ist eine, in seinen einundvierzig lebensjahren, kontinuierlich gewachsene. eine seiner mittlerweile mehreren eigenartigen phobien.

 

er folgt ihr durch den gang zum stiegenhaus und macht sich hinter ihr auf den weg nach oben.

er hat sich schon im gang fest vorgenommen, ihr nicht auf den hintern zu starren. frauen mögen es nicht, wenn das körperliche interesse an ihnen, durch aufdringliche optische wahrnehmung zu deutlich gemacht wird.

zwei stufen lang ist er seinem vorsatz treu.

drei stufen weiter hat er sich und seine cludeus-maximus-fixierung wieder im griff. er schafft es bis zur wohnungstür ihr nicht mehr auf das gesäß zu blicken. und das, obwohl er weiß, dass ihn dieser arsch die nächsten nächte in seinen feuchten träumen verfolgen und mittelpunkt sein wird.

 

in der wohnung ist er erst einmal überrascht. neu ausgemalen, kärglich möbliert –kasten, bett, tisch, zwei sessel, aber ein neuer e-herd und eine neue waschmaschine. und eine sanitärzelle mit dusche und wc. alles hätte er erwartet nur soetwas nicht. dusche und wc in der eigenen wohnung. ein luxus den er schon sehr lange nicht mehr genossen hat.

 

aber er erkennt sehr schnell den grund für den ihn zum persönlichen glück verhelfenden umstand helfen zu können.

sein geringes wissen um die schwachen leitungen und den daraus eventuell entstehenden folgen nutzt er jetzt um besondere technische fähigkeiten vorzutäuschen.

 

„schalten sie doch bitte einmal sämtliche stromquellen aus“ dann geht er zum sicherungskasten, sperrt auf und drückt den FI-schalter nach oben, sperrt wieder zu und sagt:

„waschmaschine und e-herd gleichzeit überlasten ihre leitung. sie dürfen immer nur eines der geräte benutzen.“

„danke“ für dieses freundliche lächeln in ihren augen, vergißt er sogar ihren wunderbaren hintern „darf ich mich mit einem kaffee bei ihnen erkenntlich zeigen“ kommt es auch noch in diesem eigenartig einwandfreiem deutsch aus ihrem mund.

„sehr gern, aber jetzt geht´s leider nicht. ich muss noch was erledigen“ sagt er und denkt sich, dass er sich nicht ungewaschen, unfrisiert und im ältesten trainingsanzug der welt zu ihr an den tisch setzt um kaffee zu trinken.

„paßt es ihnen vielleicht dann am frühen nachmittag. so gegen vierzehn uhr? oder wäre ihnen eine einladung zum frühstück lieber?“.

für dieses angebot tät er sie lieben, wenn er es nicht ohnehin schon tät.

„also wenn ich mir´s aussuchen darf, dann nehm ich das frühstück“

„sehr gern. ist ihnen der samstag morgen, so gegen neun uhr, recht?“

„bei so einem angebot ist mir jeder tag und jede uhrzeit recht“

„dann freue ich mich, sie am samstag zu sehen. und danke nochmals für die rasche hilfe bei der behebung des schadens“

„aber bitte. sehr gern. das war doch nur eine kleinigkeit. und ich freu mich auch schon auf das frühstück. auf wiederschauen“.

 

langsam schließt sich die tür. eine tür ohne namensschild. aber mit einer türnummer. dreiundzwanzig.

er weiß jetzt zwar nicht wie sie heißt, aber er weiß, dass er ihre türnummer auf seinem lottoschein hat.

heute ist donnerstag.

wie wird er das bis zum wochenende aushalten. zuerst am samstag das frühstück bei seiner märchenprinzessin und dann am sonntag der gewinn des vielen geldes!

Ein Gedanke zu „appetizer – teil 1 vom krimi

  1. Was hast du gegen Goldketten?
    Hippocampus und Glutaeus heißt es übrigens; und sonst sehr gut geschrieben.
    Cu Morgen
    LG D

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