barbarella

 

den kalten kaffee hat er stehengelassen. wer mag schon kalten kaffee. und entgegen aller gewohnheiten hat er auch seine zeitung keines blickes mehr gewürdigt. die liegt immer noch neben dem lottoschein am frühstückstisch. im waschbecken hinter der tür hat er dann seine morgentoilette hinter sich gebracht. zähne putzen, rasieren und was halt so dazugehört. diesen auferzwungenen ritualen der zivilisation kann er sich auch in seinen ärmlichen verhältnissen nicht entziehen.

 

mitte mai und bereits hochsommerliche temperaturen. offensichtlich läuft in den letzten jahren nicht nur sein leben aus den bahnen. ob sich da das klima an seinen lebenslauf anpaßt oder umgekehrt? schon um zehn uhr vormittag hat es mehr als 20°. auch gut. da reicht ein t-shirt als oberbekleidung. heute hat er eines erwischt, dass auf seine sportliche vergangenheit hinweist. die beine stecken in einer ebenfalls schon mehr als zehn jahre alten dieseljean der man dieses alter auch ansieht und an den nackten füssen die aus besseren tagen verbliebenen duffs. und seine ray-bans hat er hervorgekrammt. die letzten von vielen, übriggebliebenen sonnenbrillen.

espressomaschine, ray-bans und zippo.

irgendwie steckt so vieles an und in ihm noch immer in seinem alten leben. auch wenn er damit eigentlich nichts mehr zu tun haben will.

 

so wie er da über den brunnenmarkt schlendert, könnte man ihn auch durchaus für einen dieser bourgeoisen nichtstuer halten, die es schick finden sich mit dem proletariat zu verbünden. die den amnesty- abwechselnd mit dem greenpeace-anstecker ans revers heften. die am brunnenmarkt „echtes“ gemüse kaufen und fladenbrot für 40 cent zur gazpacho. und die in der woche mehr geld für bücher und downloads ausgeben als hier eine fünfköpfige familie im monat zum leben zur verfügung hat.

die dunklen, relativ langen haare hinter die ohren gekämmt, mit einem in der prallen sonne ganz leicht erkennbaren anflug von grauen schläfen.

die figur, lange jahre durch intensives training in form gehalten, immer noch ansprechend, wenn auch jetzt nicht mehr durch körperliche tätigkeit, sondern durch mangelhafte ernährung und ausgiebigen zigarettenmissbrauch.

und auch, wenn er es nicht wahrhaben will und immer energisch bestreitet, ist  es durchaus verständlich, dass sich frauen von ihm angezogen fühlen.

 

jetzt ist er am weg zur irene.

er hofft, dass sie trotz der für sie frühen stunde schon im „geschäft“ ist. weil eigentlich ist sie ja eine nachtschwalbe. aber nachdem der mittwoch ein eher „schwacher“ tag ist – fussballeuropacup, da bleiben die männer zu haus und trinken ihr bier vor dem fernseher – sind die chancen sie schon anzutreffen gar nicht so schlecht.

 

die irene, die eigentlich alle nur unter ihrem künstlernamen barbarella kennen – eine hommage an ihren lieblingsfilm – die alle nur babsi rufen und nur für ihn immer noch die irene obermaier mit den blonden zöpfen aus der 1A ist. zwei reihen vor ihm ist sie gesessen. und gleich am ersten tag volksschule hat er sich unsterblich in sie verliebt. aber wie das leben so spielt, wird aus vorpubertären lieben meistens gar nix. aber zwischen der irene und ihm ist immerhin eine wunderbare freundschaft entstanden. eine die alles überdauert hat. eine die im berühmten „stahlbad der gefühle“ immer enger geworden ist. eine freundschaft unter verlierern die sich gegenseitig halt geben, geprägt von tiefem vertrauen und respekt für einander.

 

noch einmal um die ecke und dann steht er vor dem club 7.

offensichtlich ist ihm das glück heute hold. die tür steht schon offen.

 

der club sieben ist eines von den vielen lokalen die sich zwischen der legalität eines gastronomiebetriebes und der illegalität des bordells bewegen. bigott und scheinheilig wie die moral der sogenannten „bürgerlichen“ gesellschaft es vorschreibt.

zu den huren gehen, ja! sich ein blasen lassen und sonst auch noch was, ja! daheim aber dann zur angetrauten „mutti“ sagen und mit der krone bei aufgeschlagener seite sieben über die zustände schimpfen. „ausländergfrasta! eig´sperrt g´herns!“ zwei tag später aber dann wieder mit einem von der irene ihren mädels im separee verschwinden. egal ob die „janette“ aus der ukraine, der slowakei, aus mistelbach oder sonstwo her ist. und denen wär letztendlich auch egal, ob die „janette“ zu der er ohnehin nur mausi oder schatzi sagt, illegal wär oder nicht. ob sie das hier freiwillig macht, oder ob sie ein polnischer zuhälter mit schlägen dazu zwingt. hauptsach, sie blast gut. und billig soll sie auch sein.

 

aber hier im club sieben arbeitet keines von den mädchen illegal. da haben alle einen „deckel“. da gibts auch keine zuhälter und keine schläge. und keine drogen.

da schaut die irene schon drauf. das ist ihr club.

dafür hat sie hart gearbeitet. in jeder lage.

und in den letzten jahren auch das bisserl glück gehabt, dass ihr in frühen jahren versagt geblieben ist.

so wie am anfang ihrer „karriere“. sechzehn war sie und hat sich von einem irrsinnig aufregenden typen zu einem schwarzen afghanen überreden lassen. war nicht sehr schwer. gelandet ist sie dann nicht einmal zwei jahre später in einer öffentlichen toilette am westbahnhof mit einer nadel in der armbeuge.

und irgendwie hat sie ja das geld für den stoff aufstellen müssen. alten muatterln eine übern kopf hauen und handtascheln ziagn war nicht ihr metier. das überließ sie dann schon eher versagenden möchtegernpopstars.

was blieb ihr also anderes über, als die beine breit zu machen und die widerlichsten typen drüber zu lassen. im stuwerviertel, dann im prater und zum schluss am gürtel.

im auto, in hauseinfahrten, in abgefuckten hinterzimmern, auf durchgepuderten betten mit benutzten leintüchern.

alles egal. hauptsache ein paar euro für einen schuss.

der aufregende typ war schnell verschwunden und in schneller reihenfolge durch eine menge, mitunter auch weniger aufregende, dafür brutalere, ersetzt.

ein bisserl besser ist es erst dann geworden, als sie am gürtel in einem haus vom „roten heinzi“ gelandet ist. dort hat sie sich erfangen, ist ihre drogenabhängigkeit losgeworden und wieder mensch geworden.

der rote heinzi ist für wien das, was der corleone für den coppola war.

der sorgt dafür, dass eine ruhe ist im „milieu“. sorgt dafür, dass die schießwütigen kosovo-albaner die finger vom abzug nehmen. schaut drauf, dass beim stoss-spielen nicht die falschen verlieren.

der rote heinzi verteilt den kuchen.

dass dabei ein ordentliches stück für ihn überbleibt sieht er als gottes gerechten lohn an.

nur mit drogen will er nix zum tun haben.

und das wird ihm noch einmal das genick brechen. sagen die kieberer.

 

und dieser rote heinzi hat halt ein bisserl einen narren gefressen an der irene. er hat ihr dann den club überlassen. und er schaut auch drauf, dass da nix passiert. nur so ist es möglich, dass eine frau wie die irene in ruhe ihrer arbeit nachgehen kann.

 

im club drinnen ist es kühl und dunkel.

die neueste errungenschaft, eine klimaanlage, versieht unaufgeregt ihren dienst. und riechen tuts durch diesen technsichen eingriff auch nach nichts. kein abgestandener rauch. kein verschütteter sekt. keine verschwitzten körper. keine hormongeladenen körpersäfte. es riecht einfach nach nichts.

insgesamt nicht viel grösser wie eine zwei zimmer wohnung mit kabinett. gleich links neben der tür ist eine bar mit platz für drei, vier besoffene. rechts zwei sitzecken. dunkelroter samt, plüschig. niedrige tischerln und ein paar hocker. zwischen den sitzecken geht ein kurzer enger ganz zu den drei separees. keines grösser als sein kabinett daheim. mehr platz brauchen die ja auch nicht. ein französisches luxusbett vom leiner, und ein nachtkastel mit einem ladel für die gummis. zum duschen muss manN über den gang zum badezimmer. toilette extra.

und dann ist da noch die kleine küche ganz hinten. sperrgebiet. nur für die mädels. da sitzen sie dann, wenn sie grad wieder kummer mit ihrem herzallerliebsten haben und heulen sich bei der irene aus. oder einer von den „gästen“ irgendwie garstig war und der frust hochkommt.

 

die irene sammelt grad die piccoloflaschen von gestern ein. die angie, die eigentlich ursula heißt, ist auch schon da und füllt die kondombestände in den nachkasteln auf. und die svetlana, die wirklich svetlana heißt, hat grad die waschmaschine mit leintüchern gefüllt und wischt den boden.

ein familienbetrieb im besten sinne dieses wortes.

 

„was machst denn du schon da?“

erstaunt schaut die irene als sie ihn zwischen zwei leeren schlumberger halb-süß erblickt.

„ich muss reden!“

„du mußt reden? du?“

fassungslosigkeit macht sich in ihrem gesicht breit.

die irene ist trotz ihrer einundvierzig und trotz ihrer vergangenheit noch immer eine frau, nach der sich die männer auf der strasse umdrehen. nach allen nur erdenklichen farben und haarschnitten ist ihr haar jetzt wieder naturblond und halblang. jetzt, da sie nicht im dienst ist, hat sie eine beige cargohose an und ein rotes muscle-t-shirt. eine bekleidung, die trotz des nicht betonens ihre vorzüge an wohlproportioniertsein ausgezeichnet zur geltung kommen lassen. ihre blauen, unschuldigen augen sind der absolute gegensatz zur ausstrahlung ihres körpers.

in ihrer freizeitkleidung würde man hinter dieser frau nie im leben eine abgebrühte puffmutter vermuten.

 

„ja, ich! ist das so was besonderes?“

 

„aber geh, dass ist die größte selbstverständlichkeit der welt“

männer reden doch überhaupt nicht, denkt sie sich. maximal nach ein paar bier bei den mädels im zimmer. aber daran wollen sie im nüchternen zustand nimmer erinnert werden.

aber sonst denken sie sich, dass sie mit ja und nein ausreichend kommunizieren. und ein vielleicht habens auch noch in ihrem wortschatz. das wars dann.

und er, er redet schon überhaupt nicht. geschweige denn, das er was sagt.

und jetzt muss er reden!

 

hat er vielleicht gar den kometen kommen gesehen?

oder eine vision vom atomkrieg?

oder als viel realere möglichkeit den mann vom e-werk, der den strom abgedreht hat und er darum dringend geld braucht um die offene rechnung zu bezahlen.

sowas kommt schon vor.

und sie hilft ihm dann auch gern.

sie hilft ihm überhaupt gern.

eigentlich tät sie ihm gern sehr viel mehr helfen, als er es zuläßt.

weil eigentlich tät sie alles für ihn.

nur er, der depp, hat das noch nicht mitgekriegt.

wenigstens läßt er sich ab und zu von ihr mit einem kleinen job versorgen, um die notwendigsten kosten des überlebens zu finanzieren.

und im club hilft er auch manchmal aus. bei besorgungen. oder hinter der bar. manchmal ist es ganz gut, wenn ein mann im haus ist. das reicht meistens schon um unliebsame überraschungen durch gäste zu vermeiden.

und so gibt sie ihm auch nicht das gefühl, dass sie ihm was schenkt.

 

„na wenn du reden mußt, dann setz dich her da“ sagt sie.

„soll ich dir einen espresso machen?“

 

„geh bitte. meiner daheim ist mir kalt geworden!“

 

die espressomaschine zischt. zum glück hat sie gestern nacht niemand abgedreht. sonst würde das mit dem espresso jetzt zu lang dauern.

 

„fang an“ sagt sie, während sie das espressohäferl vor ihm auf die bar stellt.

 

und er erzählt.

ganz genau. vom anfang an. mit der trafik. mit den missionaren. und mit seiner unbeherrschtheit an der tür.

und von seiner märchenprinzessin.

 

wie er fertig ist, schaut sie ihn mit ihren blauen unschuldigen augen und sagt:

„und was soll ich jetzt tun?“

 

„das weiß ich auch nicht genau. aber jetzt hab ich schon wieder einen kalten kaffee“ ist das einzige was ihm dazu noch einfällt.

 

und sie versteht die welt nicht mehr.

da sitzt er und schwärmt von seiner märchenprinzessin.

er, der nahezu täglich ein paar junge hübsche dinger um sich hat, die einem näheren, auch körperlichen kontakt mit ihm durchaus nicht abgeneigt wären.

er, der schon seit ein paar jahren an der holden weiblichkeit so überhaupt kein interesse mehr gezeigt hat. genau genommen seit ihn seine alte sitzen gelassen hat.

er, für den sie sogar eine ehrbare frau werden tät.

und der sitzt jetzt da und schwärmt ihr von einer frau vor, von der er nicht einmal weiß wie sie heißt. von der er eigentlich überhaupt nix weiß, ausser, dass sie keinen schimmer von sicherungen hat und die nummer dreiundzwanzig an der wohnungstür. sitzt jetzt da und schwärmt wie einst im mai.

 

 

zwischen zwei zügen von seinem glimmstengel bleibt ihm ein bisserl luft für den nächsten satz

„ich hab ma halt gedacht, du kannst ma helfen. schließlich bist du ja eine frau. und du mußt doch eigentlich wissen, was ich jetzt machen soll.“

 

inzwischen ist die angie mit dem gummi verteilen fertig und setzt sich neben ihm auf einen hocker. die angie ist ein bisserl eine naive, noch sehr junge hur. grad so ein bisserl ordinär wie die meisten männer das mögen. die halten das dann im kammerl für geilheit und beziehen deren ursprung unmittelbar auf sich. und trotz ihrer naivität ist die angie in der lage das perfekt für sich auszunutzen. bauernschläue nennt man sowas auch. die angie kommt aus der gegend von mistelbach.

„is was passiert? hab ich was versäumt? ihr zwei schaut´s drein wie der zins!“

 

„geh magst nicht zum billa gehen und was zum essen holen? oder hilf der svetlana bei den leichtüchern.“ zu genau weiß die irene, dass es mit dem reden vorbei ist, wenn die angie nicht gleich wieder das weite sucht. zu genau sieht sie in seinem gesicht, dass da gleich wieder der alte positivistische zyniker das zeitfenster des sich ihr gegenüber öffnens wieder aus dem club vertreibt. „oder geh einfach ein bisserl spazieren. aber lass uns jetzt bitte ein bisserl in ruh!“

 

beileidigt, weil ausgeschlossen von den geheimnissen zwischen ihrer chefin und dem, mit dem sie gern einmal, der aber bisher alle avancen von ihr und ihren kolleginnen abblitzen hat lassen, zieht sie schmollmundend von dannen.

„dann geh ich halt zum billa und hol mir eine leberkässemmel. aber euch bring ich nix mit!“

 

„danke. is schwer genug für mich, wenn ich dir das alles erzähl.“ sagt er zwischen dem klicken vom zippo und dem nächsten zug „sag ma, was soll ich jetzt tun“.

 

„rauch nicht so viel. so wirst keine fünfzig!“

wohlwissend, dass das auf seinen zigarettenkonsum nicht den geringsten einfluss haben wird. zum glück hat er keinen hang zum alkoholismus, sonst wär er wahrscheinlich ohnehin nicht mehr unter den lebenden.

„was soll ich dir schon sagen? du gehst am samstag frühstücken!“

 

„schon. und sonst? soll ich was mitbringen? blumen? oder gugelhupf? und was soll ich ihr erzäheln?

the story of my life als born looser wird nicht grad sehr anziehend sein. und nix erzählen wird wohl auch nicht zu machen sein. und lügen mag ich net. da geh ich lieber gar net hin.“

 

„scheiß da net in die hos´n“ mit all der jahrelangen erfahrung einer frau deren broterwerb der umgang mit männern ist und der direktheit der ottakringgeborenen „sei einfach so wi´sd bist. und ein bisserl selektive wahrheit is ja net lügen“.

 

neuerlich zischt die espressomaschine.

„da hast noch einen espresso. und lass den net wieder kalt werden. schöner wirst nimmer!“

langsam kommt sie jetzt um die bar herum, setzt sich ihm gegenüber auf einen hocker, greift mit beiden händen händen an seine knie und sieht ihm tief in die augen.

„weißt, du bist immer noch ein mann, nach dem sich alle weiber alle zehne abschlecken könnten. und dass du jetzt dort bist, wo´sd bist, ist nicht allein deine schuld. mit ein bisserl glück, wär das anders gelaufen. und dass dir deine alte davon ist, is auch nicht allein deine schuld. und wenn´sd nur ein bisserl an dich glaubst, und dir nur ein bisserl helfen laßt, mach ma aus dir den strahlendsten ritter den du dir nur vorstellen kannst. da bleibt deiner prinzessin gar nix anders über, als vor dir in die knie zu gehn.“

und dabei denkt sie sich, dass sie sich für diese aktion mindestens den mutter-theresa-orden am diamantenen band verdient. wenn es ihn nicht gäbe, wüßte sie gar nicht, dass ein mensch zu soviel selbstloser liebe fähig ist, wie sie selber in diesem augenblick.

 

und weil er halt er ist, sagt er jetzt noch:

„wenn du nicht MEINE irene wärst, tät ich mich jetzt glatt in dich verlieben“.

genau so eine ansage hat sie jetzt noch gebraucht.

auf der stell könnt sie zum flennen anfangen.

 

und um dem zu entgehen, sagt sie:

„pass auf, heut am abend könnt ein bisserl was los sein. nachholbedarf von gestern. da wär´s vielleicht ganz gut, wenn´sd da wärst. kommst so gegen acht. is des ok?“

 

„paßt“ sagt er. fragt sich, wie er seiner märchenprinzessin erklären soll, dass er in einem puff arbeitet, drückt der irene noch ein busserl rein und steht dann auch schon in der prallen mittagshitze des heissesten maitages seit menschengedenken.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*
*
Webseite