Es begann, wie all die Jahre zuvor jeder zweite Sonntag im Mai begann.

 

An normalen Sonntagen, also den einundfünfzig ganz Normalen, rührt sich nichts im ganzen Haus. Auch Amadeus, ganz adelige Riesendogge, hält es an solchen Sonntagen so wie alle seine Vorgänger. Erst nachdem die Leitwölfin sich ihrem Alter gemäß, langsam und unter Einhaltung eines sich jahrelang eingeschliffenen Rituals –Decke zurückschlagen, aufsetzen, behutsam einen Fuss nach dem anderen in die vom zu Bettgehen ordentlich bereitstehenden Pantoffeln steckend – aus Ihrem Bett begeben hat, erhebt sich auch er von dem für ihn bereiteten Platz und schreitet, wie es sich für einen Blaublüter gehört, bedächtig zur verschlossenen Tür.

An solchen „normalen“ Sonntagen, wird es da durchaus später Vormittag bis ihm Frau Agnes Elisabeth Rettum die Tür zum Garten hinter dem Haus aus der Jahrhundertwende öffnet.

 

Ganz anders an diesem besonderen Sonntag.

Bereits mit Sonnenaufgang tummelt sich in dem an sich ruhigen, verschlafenen Haus die Folgegeneration von Frau Rettum. Ihre ganz furchtbar lieben und netten Kinder öffnen so leise es eben in einem sehr alten Haus möglich ist die Tür zum Schlafzimmer von Agnes Elisabeth um Amadeus in den Garten zu lassen, damit er die alte Dame ja nicht stört und sie diesen besonderen Sonntag ganz besonders geniessen kann. Aus der sonst kaum benutzten Küche dringt gedämpft das Klappern von Geschirr und die Stimmen ihrer Töchter Katharina und Viktoria und der dazugehörigen Ehegatten Karl-Heinz und Friedrich. Wie jedes Jahr sind sich die beiden Paare uneins wie der Frühstückstisch gedeckt werden soll.

 

In ihrem geliebten normalen Sonntag-Tagesablauf gestört, begibt sich Frau Rettum an diesem zweiten Sonntag im Mai, wie jedes Jahr, nun auch in die Küche um am allgemeinen Familienleben teilzuhaben.

Dieses Familienleben beschränkt sich auf genau diesen einen Sonntag im Jahr. Schon seit vielen Jahren nur auf diesen einen Sonntag.

Und wie jedes Jahr steht da der Kuchen von der als Köchin völlig untalentierten Katharina. Und wie jedes Jahr ein Strauss Chrysanthemen von Viktoria.

Duldsam, wie Agnes den Großteil ihres Lebens verbracht hat, verzehrt sie unter Aufbringung all ihrer Würde ein Stück des eigentlich ungenießbaren Kuchens und muss wie jedes Jahr beim Anblick der Blumen an das Familiengrab in dem in der Nähe gelegenen idyllischen Dorffriedhof denken.

 

Anstatt wie an einem der vielen geliebten normalen Sonntage, ihr Mittagessen an ihrem Tisch, in ihrem Gasthaus, in ihrem Dorf, einzunehmen, macht sie sich mit der Familie auf um in der nicht allzu entfernten Kleinstadt, das aus Funk unf Fernsehen bekannte  und mit vielen Hauben und Sternen ausgezeichnete Toprestaurant aufzusuchen.

Wie jedes Jahr ist derselbe Tisch reserviert und wie jedes Jahr wird das vielgängige Menü, das an diesem besonderen Sonntag ganz besonders vielgäng ist, bestellt.

Gänseleberpastetchen, passierte Wachteleier, marinierte Weinbergschnecken, in Kokosmilch gebratene Froschschenkeln und eine weitere Anzahl von unvorstellbar delikaten Köstlichkeiten.

Während des Essens ist das neue Topmodell von Mercedes, mit dem Friedrich, wie jedes Jahr, zu diesem Familientreffen angereist ist Hauptthema. Karl-Heinz hat heuer dagegen ein neues Segelboot aufzubieten.

 

Der Kaffee wird dann, wie an allen besonderen Sonntagen, wieder im Haus von Frau Rettum eingenommen.

Wie es auch an allen vergangenen besonderen Sonntagen war, haben Katharina und Viktoria, Karl-Heinz und Friedrich ausser den üblichen Haushaltsgeräten auch dieses Jahr die neuesten Prospekte der besten und angenehmsten Seniorenresidenzen die es im ganzen Land gibt mitgebracht.

 

Begonnen hatte es vor einigen Jahren mit dezenten Andeutungen auf die Annehmlichkeiten in solchen Häusern. Nein – das waren keine „Altersheime“. Betreute Luxuswohnheime waren das. Mit Schwimmbädern und sogar Golfplätzen, Physiotherapeuten und wenn notwendig, erstklassiger ärztlicher Versorgung vor Ort. Ein Paradies für Menschen in fortgeschrittenen Altersregionen die sich nur mehr der Muse des Nichtstun hinzugeben bräuchten und dem Arbeitsleid entflohen sind.

 

Dann, vor zwei Jahren, war da, an diesem besonderen Sonntag, nicht nur ein Prospekt, sondern, nach dem obligaten Haubenmenue, der Ausflug in eine nicht allzuferne, gepflegte Residenz mit dem Namen: Goldener Herbst. Amadeus durfte nicht mit auf das Gelände. Leider – Hunde sind nicht willkommen.

 

Und letztes Jahr der Prospekt mit dem Zusatz: bring your pet. Und als Alternative der Prospekt eines Luxustierheimes.

 

Ohne eine Bemerkung ist Agnes Elisabeth über all diese Dinge hinweg gegangen. Ignoranz hätte diesen über Andeutungen hinausgehenden in Aufforderung verwandelten Prospekten schon zuviel Aufmerksamkeit entgegen gebracht.

Aber seit diesem Zeitpunkt wuchs in Frau Rettum ein inniger Wunsch und die von der eigenen Brust gut genährten Nattern ersetzten im Hinterkopf das Bild von der lieblichen Kinderschar.

 

Heute, an diesem besonderen Sonntag, liegt neben verschiedenen Prospekten, etwas neues auf dem Tisch. Etwas, das mit ignorieren nicht mehr negiert werden kann. Ein ausgefüllter Antrag auf die Aufnahme in die Seniorenresidenz „Goldener Herbst“. Und ein vierstimmiger Kanon singt das Lied: „Wir wollen ja nur dein Bestes!“

 

Wortlos erhebt sich Frau Agnes Elisabeth Rettum von Ihrem Sessel und entfernt sich nicht nur vom Tisch mit Kaffee, Kuchen, Blumen, Prospekten und Antrag. Sie verläßt den Raum.

 

Selten nur noch betritt sie das Arbeitszimmer ihres vor langer Zeit von Ihr gegangenen Gatten. Die Trophäen von getöten Lebewesen an den Wänden waren ihr immer ein Greuel. Staubbedeckt ist nicht nur der grosse mit Schnitzerein geschmückte Schrank, in dem sich die Jagdwerkzeuge des verblichenen Angetrauten all die Jahre seit seinem Abgang ohne Aufmerksamkeit befinden. Jetzt öffnet Frau Rettum diesen Schrank und greift nach der grossen, doppelläufigen Schrottflinte, lädt sie mit Patronen unbekannten Ablaufdatums, verschließt den Schrank wieder ordnungsgemäß und verläßt ruhigen, aber bestimmten Schrittes den ungeliebten Raum.

 

Schon am Flur hört Agnes Elisabeth das aufgeregte Zischen ihrer leiblichen Früchte und deren Parasiten das beim Öffnen der Tür mit einem Schlag verstummt.

Der Anblick der eher zierlichen, aber entschlossenen, aufrechten alten Frau mit der überdimensional grossen Waffe im Anschlag erfüllt Frau Rettum ihren sehnlichen Wunsch nach Ruhe.

 

Ein einziges, dafür umso heftigeres, Geräusch noch, dann ist diese Ruhe endgültig. Der Schuß hallt im ganzen Haus.

Die Stille danach ist endgültig.

Amadeus legt sein kurz erhobenes Haupt wieder an den angestammten Platz zwischen den Vorderläufen.

Endlich Ruhe an diesem ganz besonderen einmaligen Sonntag.

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