Und sie machen es schon wieder.

Sie nähren eine Natter an der eigenen Brust und sind dann erstaunt, dass sich diese auswächst.

 

Alle reden über den Islam, setzen das gleich mit Dschihadismus und Terror!

Alle reden über das Kopftuch, die Burka und die Radikalisierung des Islam insgesamt.

Alle reden vom Iran oder Afghanistan, den Mullahs oder Taliban.

Alle reden von Flüchtlingen, Migranten und Asylanten.

 

Wir alle kennen die Bilder aus den 60ern aus Kabul oder Teheran mit jungen Frauen in Miniröcken oder Bikinis ohne Kopftuch. Bilder mit tanzenden Menschen.

Und wir kennen aktuelle Bilder aus diesen Städten. Zerbombt und/oder mit starrsinnigen, rückwärtsgerichteten Religionswächtern.

Eine Entwicklung, die auch in der Türkei zu beobachten ist.

 

Es drängt sich die Frage auf: Was ist da passiert?

Ein persönlicher Versuch zu ergründen, wie der „moderne Dschihadismus“ entstanden ist.

Bei all dem, muss man aber aufpassen nicht einer Verschwörungstheorie in die Falle zu gehen.

Auch bin ich kein Historiker und muss mich auf diverse Quellen im Netz verlassen.

 

Aber der Reihe nach.

 

Den modernen Dschihadismus kennzeichnet, seine „verselbstständigte Gewaltideologie“, wie sie der deutsche Verfassungsschutz nennt. Diese drückt sich aus im globalen Kampf ohne nationale, regionale oder zeitliche Grenzen.

 

„Seit knapp 200 Jahren greifen westliche Staaten in die arabische Welt ein. Aber erst in den 1960er Jahren entstand eine dschihadistische Gewaltreaktion“, sagt Marco Schöller, Professor für Islamische Geschichte der Universität Münster. Dabei richtete sich diese anfangs nicht einmal direkt gegen den Westen. Die Ideologen wetterten gegen die korrupten Regime, etwa in Ägypten: „Die eigenen Regierungen wurden als Marionetten des Westens gesehen.“ Den eigenen abtrünnigen Staat betrachteten sie als „nahen Feind“, wie Elhakam Sukhni vom Institut für Islamische Theologie der Universität Osnabrück erklärt.

 

Als Initialzündung für den o.a. beschriebenen modernen Dschihadismus kann man wohl die frühen 1980er sehen, als islamistische Mudschaheddin mit Unterstützung Pakistans, Saudi-Arabiens und vor allem der Vereinigten Staaten gegen die Sowjetarmee und die von ihr unterstützte kommunistische Regierung (1979) kämpften. Osama bin Laden wurde mit dem von ihm aufgebauten internationalen Netzwerk al-Qaida ab den 1990ern Jahren zum führenden Repräsentanten der dann grenzübergreifend aktiven dschihadistischen Bewegung. Nach dem „erfolgreichen“ Partisanen-Kampf gegen die sowjetischen Investoren verlagerte sich der Schwerpunkt der dschihadistischen Aktivität auf internationalen Terrorismus, wobei die gegen die USA gerichteten Anschläge am 11. September 2001 als Höhepunkt gelten können.

 

Der darauf folgende – unter der Vorspiegelung der falschen Tatsache, dass der Irak über verbotene B- und C-Waffen verfügt – Irakkrieg II bot dem Terror und seinen vielfältigen unterschiedlichen Gruppierungen eine weitere grosse Bühne und bereitete den Nährboden für die Miliz Islamischer Staat (IS). Die daraus entstehenden Folgen kennen wir.

Beginnend im Jahr 2004 in Madrid zieht der internationale islamistische Terror seither eine blutige Spur durch Europa. London, Paris, Brüssel, Manchester, Nizza, Berlin, Stockholm.

 

In etwa zeitgleich (1979) zum Kampf in Afghanistan fand im Iran die „Islamische Revolution“ statt.

Im Jahr 1927 ersetzte Reza Schah Pahlavi, die bis dahin gültigen islamische Gesetze und Gerichte  durch eine moderne Rechtsordnung westlicher Prägung, das Tragen des Hidschāb wurde verboten und die koedukative Erziehung in den Schulen eingeführt.

1953 führte eine von den Geheimdiensten der USA und Großbritanniens durchgeführte Operation zum Sturz von Premierminister Mohammad Mossadegh. Mossadegh hatte die Verstaatlichung der Ölwirtschaft im Iran umgesetzt, um die Ausbeutung der iranischen Ölfelder durch die britische Anglo-Persian Oil Company zu stoppen.

1963 wurde Ayattolah Chomeini dadurch bekannt, dass er sich vehement gegen das Reformprogramm des Schahs, das später den Titel Weiße Revolution tragen sollte, aussprach. Chomeini sah in dem Programm, dessen Hauptpunkte aus einer Landreform, der Stärkung der Rechte der Frauen und einer Alphabetisierungskampagne bestand, einen Angriff auf den Islam. Obwohl Chomeini das Referendum über das Reformprogramm als ein gegen Gott gerichtetes Vorhaben brandmarkte und alle Gläubigen aufrief, nicht an der Abstimmung teilzunehmen, sprachen sich am 26. Januar 1963 5.598.711 Iraner dafür und nur 4.115 dagegen aus. Chomeini wurde später des Landes verwiesen und liess sich in weiterer Folge in Nadschaf (Irak) einem heiligen Ort der Schiiten nieder. Am 6. Oktober 1978 wurde Chomeini von Saddam Hussein des Landes verwiesen und nach Frankreich abgeschoben

Trotz des rigorosen Durchgreifens des Schahs und seines Geheimdienstes SAVAK konnten sich drei wichtige Oppositionsbewegungen entwickeln:

Die zwar offiziell verbotene, aber im Untergrund erfolgreich agierende kommunistische Tudeh-Partei leistete überwiegend friedlichen Protest durch die Organisation von Streiks und Demonstrationen.

Eine zweite Oppositionsbewegung bildete die von Mossadegh gegründete, Mitte-links einzuordnende Nationale Front (auch als Nationale Widerstandsbewegung bezeichnet), ein Zusammenschluss diverser Parteien. Ein prominenter Führer dieser Bewegung war Mehdi Bāzargān.

Die dritte und für die Revolution entscheidende Oppositionsbewegung gegen den Schah bildete im Kern die 1977 gegründete Vereinigung der kämpfenden Geistlichkeit.

Im Januar 1979 einigten sich der französische Präsident Valéry Giscard d’Estaing, Präsident Jimmy Carter aus den USA, Premierminister James Callaghan aus Großbritannien und Bundeskanzler Helmut Schmidt den Schah nicht mehr zu unterstützen und das Gespräch mit Ajatollah Ruhollah Chomeini zu suchen. Dieser setzte dann gegen weitere revolutionäre und säkulare Gruppen sein Staatskonzept von der Regentschaft der Geistlichkeit zum Teil mit Gewalt durch und wurde neues Staatsoberhaupt.

 

Eine wichtige Komponente in dieser „Revolution“ waren der Beitrag der Islam den Weg zur Befreiung der Dritten Welt vom Joch des Kolonialismus, Neokolonialismus und des Kapaitalismus zu versprechen.

Chomeini sagte in seiner grossen Ansprache am 1.2.1979 an die iranische Nation:

„Sie sagten, sie wollten die Landwirtschaft reformieren. Sie sagten, die Bauern wollen wir zu Bauern machen. Bis jetzt waren sie Landarbeiter. Jetzt wollen wir, dass sie Eigentümer des Landes werden. Sie haben eine Landreform gemacht. Die Landreform hat nach allen diesen Jahren nur ein Ergebnis gebracht, nämlich dass die Landwirtschaft vollständig ruiniert wurde. Die Äcker wurden vollständig zerstört. Und jetzt leiden sie Not an allem. Sie sind abhängig vom Ausland. Mohammad Reza hat es gemacht, um einen Markt für Amerika zu schaffen.“

 

Sehr vereinfacht dargestellt führten diese aufgezeigten Entwicklungen und der seit Jahrhunderten bestehende Konflikt der verfeindeten Brüder Schiiten und Sunniten vertreten durch den Iran und Saudi Arabien zu einem Wettbewerb und gegenseitiges Hochlizitieren, wer wohl die besseren Muslime sind und damit auch zu einer Radikalisierung und Rückwärtsgewandtheit zu archaischen Verhältnissen in den jeweiligen Gesellschaften.

 

Als wäre diese Gemengelage nicht ohnehin kompliziert genug, gibt es mit dem Konflikt zwischen dem Staat Israel und den Palästinensern zusätzlichen Sprengstoff. Der ursprünglich ethnisch nationale Terrorismus hat sich auch hier zu einem religiös motivierten Terrorismus entwickelt.

 

Ganz aktuell: welche Rolle spielt die Türkei unter Erdogan?

 

Ähnlich der Entwicklung in Persien hat Mustafa Kemal Atatürk während seiner Regentschaft (1924-1938) mit der Abschaffung von Sultanat und Kalifat sowie mit weitreichenden gesellschaftlichen Reformen die Modernisierung seines Landes nach westlichem Vorbild beharrlich vorangetrieben.

Aktuell dreht sich das Rad der Geschichte wieder zurück und die Türkei ist am besten Weg zu einer „Islamischen Republik“.

Spätestens seit dem Putschversuch (?) 2016 scheint sich die Frage nach der Integration der Türken in die EU ohnehin erledigt zu haben. Mir stellt sich die Frage, ob diese Radikalisierung und das Abgleiten in ein totalitäres System in der Türkei zu verhindern gewesen wäre. Etwa durch eine engere Bindung an die EU und das „westliche Wertesystem“?

Mir fällt da spontan der amerikanische Präsident Lyndon B. Johnson und sein Spruch über Edgar J. Hoover ein:

It’s probably better to have him inside the tent pissing out, than outside the tent pissing in.

 

Aus all diesen Vorgängen scheint an entscheidender Stelle niemand die richtigen Schlüsse zu ziehen bzw. gezogen zu haben.

Jüngstes Beispiel ist die Iran-Politik Donald Trumps.

Trumps Sicherheitsberater John Bolton spricht aus, was die USA in Iran wollen: einen Sturz des Regimes. Die Amerikaner setzen offensichtlich auf die Volksmudschahidin.

 

Thomas Schmidinger, Sozial- und Kulturanthropologe mit den  Schwerpunkten Kurdistan, Jihadismus, Naher Osten und Internationale Politik, dazu auf Facebook:

Wenn das stimmt und die USA im Iran wirklich ein Volksmujaheddin-Regime installieren wollen, dann droht dem Iran viel schlimmeres als dem Irak nach 2003, nämlich die Diktatur einer autoritären extremistischen islamischen Polit-Sekte mit US-Segen. Wobei die Charakterisierung dieser Gruppe hier als „stalinistisch“ ziemlich schwach ist. Die Volksmujaheddin waren ursprünglich eine linksislamistische Gruppierung. „Stalinistisch“ waren sie höchstens im Personenkult und ihrer Organisationsform. Sie versuchten tatsächlich einige marxistische Einflusse mit politischem Islam zu kombinieren, waren allerdings immer schon extrem autoritär. Im irakisch-iranischen Krieg haben sie dann mit Saddam Husseins irakischem Regime gegen den Iran kollaboriert und 1987 eine „Nationale Freiheitsarmee“ (Artesh-e Azadibachsh-e Melli-e Iran) al Kollaborationsarmee aufgebaut, was sie im Iran selbst extrem unbeliebt gemacht hat, allerdings auch im Irak, wo Saddam Hussein, sie zu Hilfstruppen bei seinen Verbrechen gegen die Kurden verwendet hat. Die Gruppe ist von einem extremen Personenkult um ihre Führerin Maryam Rajavi gekennzeichnet und wurde mehrmals auch für Gewalttaten gegen Dissidenten bekannt. Im Iran selbst ist sie seit 1980 eigentlich nur noch durch Terroranschläge präsent gewesen.

 

So wies ausschaut, sind die nächsten Terroranschläge schon vorprogrammiert.

 

Viele – für mich noch unbeantwortete – Fragen stehen im Raum.

Hätte die „weisse Revolution“ im Iran ohne die Verteidigung der Interessen von GB und US-amerikanischen Ölfirmen eine echte Chance gehabt?

Welche Rolle spielen die Saudis im Zusammenhang mit dem internationalen Terrorismus?

Hätte der Terror ohne die Unterstützung der Dschihadisten in Afghanistan durch die USA in dieser Form überhaupt entstehen können? Hätte er je die Chance gehabt ein derartiges Gewaltpotential zu entwickeln? Es wäre eine Ironie der Geschichte, wenn es stimmt, dass der mit US-Unterstützung geführte Krieg in Afghanistan gegen die Sowjets und das dortige kommunistische Regime der zündende Funke für den weltweiten islamistischen Terror war.

Welche Schlagzeile:

Der Kampf gegen den Kommunismus gebiert den islamistischen Terror!

Quellen:

https://de.wikipedia.org/wiki/Dschihadismus

https://web.de/magazine/politik/anfaengen-islam-terror-is-dschihadismus-30241044

https://www.hss.de/download/publications/AMEZ_13_Grenzen_04.pdf

https://de.wikipedia.org/wiki/Begr%C3%BCndung_des_Irakkriegs

https://de.wikipedia.org/wiki/Begr%C3%BCndung_des_Irakkriegs

https://www.trend.at/politik/international/sunniten-schiiten-kurden-islam-iran-karte-tuerkei-5122902

https://de.wikipedia.org/wiki/Sowjetische_Intervention_in_Afghanistan

https://de.wikipedia.org/wiki/Islamische_Revolution

2 Gedanken zu „Der Kampf gegen den Kommunismus gebiert den islamistischen Terror!

  1. Sehr guter und informativer Artikel!

    Zur Ergänzung noch (leider in englisch):
    Bericht der UNHCR zum unrechtmäßigen Eingreifen von Pakistan, mit Unterstützung der USA und anderen zur Förderung der Mujahideen in Flüchtlingslagern um 1980 und dem Versagen der UNHCR:
    http://www.unhcr.org/research/working/4868daad2/afghan-refugees-pakistan-during-1980s-cold-war-politics-registration-practice.html

    Und weil Frauen immer gerne als „Argument“ für „humanitäres Eingreifen“ ungefragt hergenommen werden, hier noch ein Text von 2002 zum Einfluss der USA-Interventionen auf die Rechte afghanischer Frauen:
    https://scholarship.law.berkeley.edu/cgi/viewcontent.cgi?referer=https://www.google.com/&httpsredir=1&article=1176&context=bglj

    Ansonsten erinnere ich mich noch, dass Anfang 1980 in englischsprachigen indischen Zeitungen das Eingreifen der Sowjetunion in Afghanistan durchweg begrüßt wurde und sich gefragt wurde, ob denn die USA nicht wüssten, was für Leute sie unterstützten und was für Pläne und Vorstellungen diese hätten.

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