1. kapitel

 

um sich in den park zu den alten pensionistinnen zu setzen und tauben zu füttern, fühlt er sich noch zu jung. auch wenn er schon seit viel zu langer zeit keiner geregelten tätigkeit nachgeht und somit keinen fix verplanten tagesablauf hat, kann er sich noch nicht damit anfreunden, sich einfach in den park zu setzen und auf den tod zu warten. und da gibt es welche, die sitzen bei fast jedem wetter hier. nur wenn es gar zu kalt ist oder zu sehr regnet, gehen sie dann in den pensionistenclub. aber da würden sie ihn ja auch noch gar nicht hineinlassen. aber nachdem es heute so richtig warm ist und die sonne vom himmel lacht, sind ohnehin alle plätze besetzt. ausserdem ist ihm in seiner derzeitigen gemütsverfassung nicht nach sonnenlachen. und zu hause harrt noch seine zeitung ihrer bestimmung.

und der lottoschein.

 

ausserdem ist er zu haus ja seiner prinzessin näher als im park. und es könnte sich ja die möglichkeit ergeben ihr zufällig zu begegnen. zu gerne würde er jetzt doch ihren namen wissen. und wenn er schon nicht ihr begegnet, könnte er sich bei der huber für den neben dem kübel deponierten mist entschuldigen und sich vorsichtig nach der neuen mieterin erkundigen. die huber muss etwas wissen. die huber weiss immer alles über die leut in ihrem haus. gegen die huber ist die mossad ein verein ahnungsloser dilettanten.

 

aber weder von der huber, noch von seiner prinzessin, ist irgendetwas zu sehen. was für die huber äusserst ungewöhnlich ist. ist doch ihre omnipräsenz teil ihrer machtstrategie.

 

wieder in seiner behausung, setzt er sich mit seiner zeitung, in seinem „livingroom“ auf die auch als schlafstatt dienende, schon leicht verschliessene graubraune couch, die zum zeitpunkt ihres entstehens noch bettbank geheissen hat. an normalen tagen legte er wert auf eine gewisse ordnung in seinem kleinen mikrokosmos. da würde er polster, leintuch und decke in die dafür vorgesehene bettzeuglade räumen und sich wie fast täglich über den nur mehr dürftig funktionieren schließmechanismus eben dieser ärgern. aber schon seit seinem morgendlichen trafikbesuch ist heute alles anders als an normalen tagen.

 

selbst die in der zeitung dokumentierten sinnlosigkeiten und bösartigkeiten der mächtigen dieser welt bringen heute nicht einmal in ansätzen sein unverständnis und seinen widerwillen über die begangenen ungerechtigkeiten und gemeinheiten hervor. er schafft es auch kaum einen absatz im zusammenhang zu lesen. seine gedanken wandern immer wieder zu der tür mit der nummer dreiundzwanzig und der damit verbundenen person.

 

was war da mit ihm passiert?

eigentlich glaubt er nicht an so etwas wie liebe auf den ersten blick. ja mehr noch, er glaubt überhaupt nicht mehr an die liebe.

aber wenn es die liebe nicht gibt, was ist das dann, was dafür sorgte, dass er in seinem kopf keinen klaren gedanken fassen konnte und sämtliche gedanken immer wieder bei einem einzigen ziel landen: bei ihr.

sind das einzig und allein chemische oder physikalisch elektrische vorgänge in seinen gehirnwindungen? wenn ja, mußte es aber etwas geben, das für das auslösen dieser eindimensionalität verantwortlich ist.

der testosteronüberschuss konnte es nicht sein. ja, er hat ihr auf den hintern geschaut. aber bei der irene im club laufen auch eine menge hübscher hintern und anderer körperteile herum, die ihm noch dazu gefügig wären. das hat ihn noch nie in derartige gedankeneinschränkungen gebracht. ausserdem hatte er sich längst geschworen seine trieblichen bedürfnisse zu beherrschen und nicht diener seines kleinhirns zu sein. und die letzten jahre hatte er sich da auch durchaus im griff. auch im wörtlichen sinne.

 

es waren ja auch nicht vorstellungen von körperlicher intimität die ihn daran hinderten sich der grossen weiten welt da draussen in form von zynischen gedanken zu widmen. es waren einfach ihre augen, ihre stimme die ihn ablenkten. wird es bei dem einen frühstück bleiben? wird sie ihn sympathisch finden? wird sie ihn vielleicht ähnlich sympathisch finden wie er sie?

 

wenn es also die liebe nicht gibt, was war das dann?

verliebtheit?

die berühmten schmetterlinge im bauch?

eine überlegung, die er noch viel eindeutiger wieder ausschloss.

in seinem körper war kein platz für irgendwelches getier das ähnlichkeit mit schmetterlingen hat. und im bauch schon gar nicht. verliebtheit hielt er ohnehin für eine fehlgeleitete schaltung des nervensystems. verliebtheit ist der stoff, der den menschen daran hindert bei der auswahl eines lebenspartners den richtigen zu finden. die berühmte rosarote brille, die einem wahrscheinlich die schmetterlinge aufs aug drücken, verhindert den klaren blick auf die eigenschaften des präsumtiven richtigen.

war er bei der seinerzeitigen auswahl der damals augenblicklich richtigen von einer derartigen fehlsteuerung geleitet?

offensichtlich.

eigenschaften, die ihm ein entzücktes lächeln um die augen zauberten und ein „wie süss“ entlockten, verkamen im lauf der zeit zu einem ausgewachsenen ärgernis. und umgekehrt wars wohl noch sehr viel unerträglicher.

also verliebt wollte er jetzt eindeutig nicht sein.

 

er dachte an irene und das was ihn mit ihr verband. gegenseitiges vertrauen, respekt, verstehen, nähe und eine tiefe zuneigung. sicher auch eine art von liebe. letztendlich dinge, die zu einer verbindung führten, die für ihn den begriff der freundschaft ausmachten.

aber liebe?

um der allgemein üblichen erwartung von liebe gerecht zu werden fehlte, was wahrscheinlich den meisten männern unbegreiflich war, die körperliche anziehung. er hatte nicht das bedürnis irene auch leidenschaftlich näher zu kommen. für ihn war sie, trotz aller eindeutig sichtbaren merkmale, geschlechtslos. auch hatte er nicht das bedürfnis sich möglichst oft in ihrer nähe aufzuhalten.

 

die empfindungen für seine prinzessin waren eindeutig anderer art.

er konnte ihr doch eigentlich noch in keiner weise vertrauen entgegenbringen. er wußte weder etwas von ihren lebensumständen noch interessen bzw. vorlieben. er wußte nichts über ihre sexualität. er kannte ja nicht einmal ihren namen.

und doch wollte er in ihrer nähe sein.

wollte möglichst alles über sie wissen.

wollte sie in seinen armen halten und die augen schliessen.

gibt es die liebe also doch?

konnte er lieben?

hatte er schon geliebt?

wurde er schon geliebt?

 

ganz sicher wurde er von seiner mutter geliebt. und ganz sicher hatte auch er sie geliebt. eine liebe die keine frage nach dem warum stellte. eine liebe die bedingungslos und ohne ansprüche war. eine liebe, die auf dem urvertrauen beruht, ohne wenn und aber.

 

aber natürlich ist auch das nicht die liebe die im wahn der ihn umgebenden konsumgesellschaft von pseudogurus verkündet wird. und schon gar nicht die liebe die in schlechten schlagertexten ganz in weiß daherkommt. die kollektiven erwartungen an die liebe waren derart degeneriert, dass diese niemand, auch nur in ansätzen, erfüllen konnte. die liebe war zu einem konsumartikel in einem selbstbedienungsregal verkommen, mit dem anspruch zur vollkommenen glückseligkeit und dem anrecht der jederzeitigen verfügbarkeit.

 

war dieses gefühl, dass ihn da jetzt völlig in besitz genommen hatte, nicht nur das abziehbild seiner eigenen wünsche und sehnsüchte? projezierte er nicht vorstellungen in seine prinzessin, die diese unmöglich erfüllen konnte? war die enttäuschung ob dieser unerfüllbarkeit nicht schon vorprogrammiert?

 

weiter kam er mit seinen gedanken nicht.

ein an diesem tag bereits vertrautes geräusch ließ ihn hochschrecken.

es klopfte an der tür.

das gesetz der serie.

so oft wie heute hat es das ganze letzte jahr nicht an seiner türe geklopft.

er legte die zeitung zur seite, ließ ein lautes „ich komme“ vernehmen und machte sich mit gemischten gefühlen auf zur tür.

würde er sich wieder über ungebeten besuch ärgern müssen?

würde vielleicht jetzt doch die huber ihren unmut über den mistsack kundtun?

oder vielleicht war bei seiner märchenprinzessin schon wieder die sicherung gefallen?

 

„servas“

hörte er nach dem öffnen der tür den möslinger sagen.

wenn er auf grund der heutigen ereignisse mit vielem gerechnet hätte, aber nicht mit dem möslinger. den möslinger hatte er sicher vor zehn jahren das letzte mal gesehen, da war er noch verheiratet. der war mit der irene und ihm in der gleichen klasse. und danach waren sie eigentlich auch noch relativ lange gut miteinander. selbst die rivalität wegen der irene war nicht wirklich hinderlich. nach dem bundesheer ist der bei der polizei untergekommen. und trotzdem er selber immer eine abneigung gegen uniformen und ordnungsmachten gehabt hat, war die neue profession vom möslinger kein hindernis am gemeinsamen umgang. aber irgendwann dann habens dann halt beide eine frau in ihrem leben gehabt und die zeit nicht mehr miteinander sondern anderweitig verbracht, die abstände zwischen ihren treffen sind immer länger geworden und irgendwann wars ganz aus. und jetzt steht der vor der tür und sagt „servas“!

 

„möslinger!?“

„immer noch! da hat sich nichts geändert.“

„wie kommst denn du da her? woher weißt du dass ich da wohn?“

„wußt ich ja gar nicht. bis vor einer stund. aber magst mich nicht reinlassen?“

natürlich würde er ihn reinlassen. aber es war ihm trotz des langsam angestiegenem fatalismus seinen lebensumständen gegenüber irgendwie unangenehm einen alten bekannten sein bürgerliches versagen so augenscheinlich zu präsentieren.

„komm rein, aber wunder dich nicht über die zustände. das ist eine lange geschichte“ versuchte er wenigstens ansatzweise eine entschuldigung. „magst einen kaffee?“

„gern, aber eigentlich bin ich nicht zum kaffeetrinken und plaudern da.“

„und warum bist sonst da?“ sagte er, während er die tür hinter ihm wieder schloß.

„dienstlich sozusagen.“

„dienstlich? bist immer noch bei der heh? aber wieso hast dann keine uniform an, wenn´s dienstlich ist“ sagte er während er das sieb von der espressomaschine sorgsam füllte.

der möslinger setzte sich auf den dargebotenen besucherstuhl und erklärte: „vor ein paar jahr bin ich zu die kieberer gangen.“

„karriere sozusagen“ konnte er sich angesichts dieser tatsachen eine süffisante bemerkung nicht verkneifen. „und was machst jetzt dienstlich bei mir?“

„ich bin beim dezernat für gewaltverbrechen gelandet. und heut vormittag, habens in einem abfallcontainer am brunnenmarkt eine leich gfunden.“

er dreht sich um, stellt das espressohäferl vor dem möslinger auf den tisch, sagt: „und ich bin der mörder?“

„vollkoffer!“

am vokabular vom möslinger hatte sich also nicht viel verändert. was man von seinem aussehen nicht wirklich behaupten konnte. rund um seinen kopf bildeten die noch immer braunen haare einen halbkreis. die gesichtsfärbung war rosig, aber in einem ton, der nicht als gesund bezeichnet werden konnte. übermässiger alkoholkonsum hatte deutliche spuren hinterlassen. um die leibesmitte hatte sich ein deutliches wohlstandsbäuchlein mit ausläufern zu den hüften gebildet. seine braune cordhose vom kleiderbauer und ein passendes tweedsacco waren wohl auch soetwas wie eine möglichst unauffällige uniform der wiener kriminalpolizei.

„na dann erzähl halt einmal. zuerst was passiert ist, und dann, wie du zu mir kommst.“

„also – die leich haben wir recht schnell als die anna huber, ihresgleichen wohnhaft an dieser adresse, identifizieren können. erschlagen mit einem schweren stumpfen gegenstand, wie die das im fernsehen immer nennen. ich hab mir dann im melderegister halt die adresse rausgesucht und gleich geschaut, wer da sonst noch so wohnt. und da bin ich auf dich gestossen.“

„und ich bin jetzt hauptverdächtiger, weil ich meinen mist neben statt im mistkübel deponiert hab.“

„vollkoffer! – ich hab mir halt gedacht ich red zuerst einmal mit dir. ich hab mir gedacht, mit dir kann ich anders reden und ausserdem hab ich mich gefreut, zu sehen, dass du noch lebst.“

„soweit man das leben nennen kann“, sagte er mit einem vielsagenden blick auf seine umgebung.

„na da tu dir einmal nix an. ich kenn leut, die wohnen am schreiberweg mit goldene häuseln und die leben mit garantie weniger als du. aber was anderes, sag, weißt du was von der irene? von der hab ich auch schon ewig nix g´hört.“

„klar weiß ich was von der irene. aber warum schaust nicht in eurem computer nach was da über sie drinn steht. das müßt doch für dich ganz leicht sein.“

„da täuscht dich aber. seit die idioten von der AUF sich wichtig gemacht haben und sich daten über alle möglichen leut besorgt haben, wird das ganz genau kontrolliert. und ich tät schon einen dienstlichen anlass brauchen um nachzuschauen“ wird der möslinger jetzt ein bisserl ungeduldig. „also sag schon, wie geht´s ihr?“

Jetzt kann er sich ein leichtes grinsen nicht verbeissen. „bist also noch immer ein bisserl verliebt in die irene? aber ich kann dich beruhigen, es ist ihr schon schlechter gegangen. die irene hat jetzt einen club. Ist sozusagen zur puffmutter aufgestiegen. wennst magst, können wir uns ja bei ihr auf einen kaffee einladen. die freut sich sicher wenn sie dich sieht. und ausserdem kannst sagen, das ist dienstlich, weil der club ist gleich ums eck beim brunnenmarkt.“

irgendwie schaut der möslinger gleich viel freundlicher drein, wie er hört, dass es der irene gut geht. sagen tut er aber:

„das geht jetzt nicht. jetzt muss ich arbeiten. aber nach dienst tät ich schon noch gern einen kaffee trinken. und jetzt erzähl mir was von der huber. weil deswegen bin ich ja eigentlich da.“

„na gut, dann werd halt dienstlich. was willst wissen?“

„erzähl mir halt alles was du weißt. ob dir irgendwas ungewöhnliches aufgefallen ist. ist in der letzten zeit irgendwas passiert womit die huber zu tun haben könnt? hat sich wer fremder hier herumgetrieben? weißt eh, wie beim derrick. alles ist wichtig.“

und dann hat er halt angefangen zum erzählen.

vom mist neben dem kübel. von den zeugen jehovas. von der neuen mieterin. und wie er fertig ist, sagt er noch: „unterhalt dich einmal mit der alten bieder im zweiten stock. die und die huber waren ein team. die waren immer besser informiert als der mossad.“

der möslinger hat ganz aufmerksam zugehört. gesagt, dass er sich jetzt an die arbeit macht, und dass er sich gern mit ihm bei der irene am abend auf einen kaffee treffen möcht. dann ist er gegangen.

und er ist dann dagesessen und hat noch viel weniger gewußt wie ihm passiert. das einzige was er sicher gewußt hat, war, dass er nicht zur tür geht, wenn´s nochmal klopft.

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