Jetzt wird wieder Tennis gespielt und die Australian Open sind wieder dort, wo sie hingehören – auf den Sportseiten der Medien.

Und Djokovic ist wieder auf dem Weg nach Hause – wo immer das auch ist – in Belgrad, Monacco oder Marbella.

Das Schauspiel rund um die Teilnahme von Novak Djokovic an den Australian Open 2022 zeigt ein sehr vielschichtiges und ambivalentes Bild und vor allem abseits der sportlichen Komponente auch ein sehr unwürdiges und oft realitätsfernes Geschehen.

Es geht bei der Affäre D. auch um Sport, aber mindestens ebenso um Covid19, Privilegien, Nationalismus, Migrationspolitik und insgesamt um eine gesellschaftlich-politische Komponente. Über all diesen Fragen noch die Metaebene, inwieweit die Leistung eines Sportlers/Künstlers/Unternehmers/Politikers/Wissenschafters (bitte das jetzt alles hier und für den Rest auch gegendert mitdenken – danke) unabhängig von seiner Persönlichkeit und seinen Charaktereigenschaften zu beurteilen ist, oder ob in einer Bewertung immer dem gesamten Ganzen Rechnung getragen werden muss.

the game

Der einfachste Teil dieser Geschichte.

Nadal:

„Wenn er spielt, ist das in Ordnung. Wenn nicht, werden die Australian Open mit oder ohne ihn ein großartiges Turnier sein. Das ist meine Sichtweise.“

Der Weltranglistenvierte Tsitsipas:

„Wir haben uns alle an die Regeln gehalten, um nach Australien zu kommen und am Turnier teilzunehmen. Und wir haben uns dabei sehr diszipliniert verhalten.“

Und Olympia- und Wimbledon-Sieger Stich sagt:

„Kein Tennisspieler ist größer als der Sport“

Aber natürlich geht es auch sportlich um mehr als nur um den Titel beim AO22. Es geht auch um den GOAT (Greatest Of All Time) im Tennis. Liegen doch Federer, Nadal und Djokovic bei je 20 Grand Slam Titeln. Nur der Spanier hat also bei den Australian Open die Chance auf den 21. Titel.

Das Ziel den Grand Slam (den Gewinn aller vier Grand-Slam-Turniere innerhalb eines Kalenderjahres) als 3. Spieler nach Budge und Laver zu gewinnen hat sich für den „Djoker“ wohl erledigt.

Weil: Nach dem Entzug des Visum bestätigt Australien nun ein dreijähriges Einreiseverbot für Djokovic.

Ausserdem erscheint nun auch seine Startberechtigung als Ungeimpfter sowohl an den French Open als auch in Wimbledon fraglich.

Djokovic droht weiteres Ungemach.

Im Zuge um seinen zweifelhaften positiven PCR-Test ermitteln jetzt auch spanische Behörden wegen Verstoss gegen Corona-Auflagen.

COPE reports that the Spanish Government is now investigating whether unvaccinated Novak Djokovic entered the country ilegally in late December.

Womit wir ein weiteres Kapitel in dieser Geschichte aufschlagen.

Der Privilegierte, empfindet Diskriminierung, wenn er Gleichheit erfährt…

Der Weltranglisten-Erste wollte mit einer medizinischen Ausnahmegenehmigung ungeimpft an den Australian Open teilnehmen. Trotz der bekanntermassen sehr strengen Coronamassnahmen und rigiden Einreisebestimmungen in Australien. Immerhin ist er Titelverteidiger und der beste Tennisspieler aller Zeiten. Also seiner Meinung nach.

Mit diesem Gefühl durch seinen Status Sonderrechte in Anspruch nehmen zu können, ist er aber nicht allein.

Boris Johnson und seine Garten-Parties in der Downing Street sind ein weiteres Beispiel für diese Attitüde. Besonders erheiternd seine Begründung für die Parties: „Niemand hat mich gewarnt, dass die Party gegen Regeln verstößt“,

Da wär dann auch noch der französische Bildungsminister der die neuen Corona-Regeln für Schulen von seinem Urlaub aus Ibiza verkündet. Offensichtlich ist Ibiza für Politiker kein gutes Pflaster.

Dabei müssen wir gar nicht in die Ferne schweifen. Unser Bundeskanzler gehört ebenso zu dieser „Geselllschaft“ und feiert trotz der uns allen verkündeten angebrachten Vorsicht fröhlich „Hüttengaudi“.

Aktuell in den Medien Nationalratspräsident Sobotka, der für eine Reise nach Italien „gebeten“ hat „allfällige Kontrollen hintanzuhalten“. Laut Behörde wurde die schriftliche Weisung erteilt, die erforderlichen Gesundheitskontrollen nicht durchzuführen. Begründet wurde dies mit der Dringlichkeit „im zwingenden Interesse der Republik“. Und die Licht-Ins-Dunkel-Gala sollten wir auch nicht vergessen.

Selbiges gilt natürlich nicht nur für Sportler oder Politiker. Wir hätten da z.B. noch den Chef der Credit-Suisse oder den Gründer der Fitness-App Runtastic.

Diese Inanspruchnahme von Sonderrechten ist aber nicht erst seit CoronaZeiten usus für eine privilegierte Klasse, die glaubt, besondere Rechte zu geniessen sich alles herausnehmen zu können und ungeschoren davon zu kommen.

Wir hätten da noch aktuell Prinz Andrew, Donald Trump aber auch Sebastian Kurz.

Diese Liste liesse sich noch lange fortführen.

Umso grösser das Erstaunen, wenn diese Personen am Ende erkennen müssen, dass „anything goes“ doch nicht immer durchgeht.

Allerdings steht zu befürchten, dass in diesem Punkt Lincoln irrte:

You can fool all the people some of the time, and some of the people all the time, but you cannot fool all the people all the time.

Man kann durchaus davon ausgehen, dass eine Vielzahl ähnlich der aufgedeckten Verfehlungen für immer im Dunkeln bleiben.

Das Corona-Break

Djokovic macht sich mit dieser Aktion zum neuen Idol der internationalen Impfgegnerschaft. Und erhält in den sozialen Medien dafür Unterstützung. Ein Beispiel:

Derzeit sind 78,1 % der Australier*innen geimpft. Es besteht nach wie vor ein generelles Einreiseverbot nach Australien, von dem lediglich australische Staatsbürger, Daueraufenthaltsberechtigte, sowie deren enge Familienangehörige, ausgenommen sind. Es gibt nach wie vor Einschränkungen für Personen mit Touristenvisa und kurzfristigen Geschäftsvisa. 

Bei der endgültig Aberkennung des Visums argumentierte das australische Gericht: „Djokovic könnte mit seiner Einstellung eine Anti-Impfstimmung im Land verbreiten“.

Der nächste „Fall“:

Im April und Mai finden in Victoria und Westaustralien zwei Meisterschaften der World Surf League (WSL) statt. Surf-Star Kelly Slater, der elfmalige Weltmeister im Wellenreiten, hat seinen Impfstatus nicht offengelegt und für Djokovic Partei ergriffen: „so viel gehirngewaschener Hass in den Herzen der Menschen, unabhängig vom Vax-Status“.

Sportminister Richard Colbeck: Slater habe „keine Chance, ins Land zu kommen“, wenn er nicht geimpft sei. „Ich nehme an, er kennt die Regeln. Es spielt keine Rolle, ob man Surfer, Tennisspieler, Tourist oder sonst jemand ist, so lauten die Regeln. Sie gelten für alle“

Soweit so gut.

Weniger gut und vor allem angesichts dieser Entscheidung der Umgang mit Covid während des Turnieres an sich. Alexander Zverev glaubt, dass mehrere Spieler Covid-19 haben, und schafft sich seine eigene „Bubble“. Auch Tomic hatte nicht vorhandene PCR-Tests schon in der Qualifikation kritisiert.

So ganz geschlossen ist auch die Akte Djokovic nicht ganz. So liess Djokovic-Trainer Vajda wissen:

„Das wird ihn noch lange schmerzen. Novak ist sicher psychisch schwer getroffen worden. Aber er ist stark, unerschütterlich und er hat im Tennis noch nicht sein letztes Wort gesprochen“

Wird er jetzt das „Impf-As“ schlagen und doch noch der GOAT werden. Oder hat der „Joker“ noch ein ganz anderes As im Ärmel?

Hat er sich doch aktuell gleich einen ganzen Pharmakonzern gekauft der eine medizinische Behandlung gegen Covid-19 entwickeln will.

Matchball Nationalismus

Wenn dieser Kauf der Versuch einer überraschenden Wende in diesem Spiels sein könnte, kommt jetzt die grausliche.

Hat der Trainer doch auch gesagt:

Die Situation in Australien sei total krank und ungerecht, eine direkte Folge der langen Isolation des Landes. Australien zahlt jetzt den Preis für seine Politik der Abschottung und die Entscheidung gegen seinen 34-jährigen Schützling nannte er einen „politischen Prozess“.

Dabei ist diese Aussage noch eine der harmloseren im allgemeinen Eskalationsspektakel.

Mit ein bissl Goodwill könnte man die skurill bis bizarren Aussagen des Vaters Srdjan Djokovic als emotionale geistige Verwirrung einordnen die medikamentös zu behandeln wäre:

„Jesus wurde gekreuzigt, ihm wurde alles angetan, und er ertrug es und lebt immer noch unter uns. Jetzt versuchen sie Novak auf die gleiche Weise zu kreuzigen und ihm alles anzutun.“

Da war aber auch von einem „Attentat“ die Rede und der „Rache Serbiens“.

Serbien gegen den Rest der Welt. Und Djokovic wird zum Märtyrer mit Heldenstatus hochstilisiert. „Serbien wird für Novak Djokovic kämpfen, für Gerechtigkeit und Wahrheit“ so Serbiens Staatschef Vučić. Mit „Lynchstimmung„, „Hexenjagd“ und „einen Angriff auf das serbische Volk“ missbraucht Vučić den Tennisspieler Djokovic und dieser lässt sich (willig?) nicht nur missbrauchen sondern wird Teil es Spiels. „Wir sind bereit, das zu verteidigen, was rechtmäßig uns gehört: Kosovo ist Serbien“, proklamiert der Tennisspieler bereits im Jahr 2008, als das Kosovo seine Unabhängigkeit erklärte.

Währenddessen Australien: Unser Land, unsere Regeln. Illegale Ausländer und ausländische Unruhestifter raus.

Australien steht seit langem wegen seiner Migrations- und Asylpolitik  und der harten Stop-the-boats-Linie in der Kritik. Was Abschiebungen betrifft, diskriminiert Australien nicht. Niemand ist sicher. Auch nicht im eigenen Land, nicht einmal die nächsten Nachbarn. Keine andere Nation hat mehr Bürger in australischer Abschiebehaft sitzen, als Neuseeland.

Und hier wird’s wieder skurill:

Wenn Linke „No Human Being Is Illegal“ und „NoBorder – NoProblem“ oder „Refugees Welcome“-Aktivisten plötzlich Grenzschutz und Abschiebung befürworten, weil es „den Richtigen“ trifft.

Und umgekehrt:

Wenn rechte Law&Order-Anbeter die bei der Abschiebung von Schulkindern applaudieren bei der Abschiebung von Promis wegen einem unlauter erschlichenen Visums plötzlich „Willkür und Faschismus“ schreien.

Beispiel: Der Nehammer und die Nacht der Schande – Zwei junge Mädchen, die in Österreich geboren wurden und bestens integriert waren, wurden mit ihrer Mutter nach Georgien abgeschoben. 

In einer Anfragebeantwortung an das Parlament argumentiert er so:

Im gegenständlichen Fall erfolgte die Abschiebung daher auf Basis der höchstgerichtlichen Judikatur, aus der klar hervorgeht, dass eine aufenthaltsbeendende Maßnahme unter dem Blickwinkel des Kindeswohls auch dann zulässig ist, wenn allfällige ungünstigere Entwicklungsbedingungen im Ausland vorliegen. Ein Verzögern oder gar Absehen von Abschiebungen in solchen Fällen, in denen die Ausreisepflicht missachtet wird, wäre willkürliches Handeln und würde dem Verfassungsgrundsatz der Gleichbehandlung von Fremden untereinander widersprechen.

Hier schliesst sich der Kreis zu Corona wieder.

Wenn „Linke“ und „Liberale“ die (notwendigen und befristeten?) Massnahmen zur Eindämmung der Pandemie inklusive der Beschränkung von Freiheits- und Grundrechten nicht nur tolerieren, sondern sogar fordern und gleichzeitig Rechte bis Rechtsextreme inklusive verblendeter Mitläufer*innen die Strassen okkupieren und Zensur und Diktatur brüllen (inklusive der Verharmlosung des Holocaust) undscheint die Welt aus den Fugen zu geraten.

Wenn Adorno feststellt: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“ muss man auch fragen: „gibt es das Falsche im Richtigen?“

the final and deciding game

Es stellt sich für viele Tennisfans die Frage: kann jemand wie Djokovic, der neben seinen unbestrittenen Qualitäten und zählbaren Erfolgen als Tennisspieler, als Handlanger von Nationalisten fungiert und versucht mit verhaltensauffälligen Regelauslegungen Auflagen zu umgehen je the „Greates Of All Time“ und somit Vorbild und Idol für viele junge Tennisspieler*innen werden?

Vergleiche mit Federer, Nadal, aber auch „Allzeitgrössen“ wie Rod Laver und Pete Sampras werden gezogen.

Darf – kann – soll – muss man das „Lebenswerk“ eines Sportlers, einer Sportlerin von der Persönlichkeit und dem Tun abseits des Courts trennen?

Eine Frage, die selbstverständlich nicht nur für Tennis und nicht nur für Sport gilt.

Daher die generelle Frage:

Darf man Sportler/Künstler gut finden, auch wenn sie Arschlöcher sind?

Macht nicht erst das „Gesamtbild“ eineN GrössteN aller Zeiten?

Ein Beispiel:

He called himself ‚The Greatest,‘ and to many he was not only the greatest boxer, but the greatest sportsman who ever lived.

Muhammad Ali, „The Greatest of All Time

Als ihm sein Weltmeistertitel aberkannt wurde, weil er nicht nach Vietnam wollte sagte er: 

Nein, ich werde nicht 10.000 Meilen von zu Hause entfernt helfen, eine andere arme Nation zu ermorden und niederzubrennen, nur um die Vorherrschaft weißer Sklavenherren über die dunkleren Völker der Welt sichern zu helfen.“

Schauen wir uns als Gegenentwurf dazu den Prototypen des deutschen Künstlers an. Das Werk kolossal, genial, intensiv, ästhetisch, emotional und politisch – die Person umstritten und eindeutig antisemitisch: Richard Wagner.

Oder der Vertreter des Wiener Aktionismus Otto Mühl und seine Kommune auf dem Friedrichshof. 1991 wurde Otto Muehl wegen Kindesmissbrauchs und Verstoßes gegen das Suchtgiftgesetz zu sieben Jahren Haft verurteilt. Wobei mir der „Suchtgiftmissbrauch“ eher egal ist, dafür der Kindesmissbrauch um so schwerer wiegt.

Bei einem meiner musikalischen Favorits wird dieser Konflikt auch für ihn selbst deutlich.

Ihm sei stets bewusst gewesen, wie viel er seinen schwarzen Vorbildern verdankte. Und dennoch hetzte Clapton 1976 bei einem Konzert in Birmingham auf wüste Weise gegen Schwarze, People of Color und Migranten – und schloss mit den Worten: „Normalerweise bin ich auf Droge, jetzt bin ich auf Rassismus.“

Dieser scheinbare Widerspruch, der Claptons Rassismus zugrunde liegt und ihn 2017 dazu bewogen hat zu sagen, er schäme sich „ein Semi-Rassist gewesen zu sein“, und seiner immer wieder beteuerten Liebe zur schwarzen Musik ist eigentlich bis heute nicht aufgelöst. Im Gegenteil zeigt sich dieser Charakterzug in seiner letzten Arbeit mit Van Morrison erneut deutlich.

Wie geht es mir nun, wenn ich eine meine „Insel-CDs“ (Welche 3 Alben nehmt ihr auf eine einsame Insel mit und warum?), die „Unplugged“ aus dem Jahr 1992 (die beiden anderen: The Stone Roses, Second Coming, 1994 und Tanz Baby! Liebe, 2008) höre? Ist die Musik für mich nun immer mit einer negativen Konnotation behaftet?

Kann ich mir also in Zukunft ein Tennismatch mit Djokovic ansehen, ohne das ganze Drumherum bei diesen Australian Open im Hinterkopf mitzudenken?

Wie geh ich damit um, dass jemand, dessen sportliches oder künstlerisches Schaffen mir höchsten Respekt abnötigt, so gar nicht in jenes Klischee passt, um ihm/ihr auch Sympathie entgegen zu bringen?

Diese Frage wird sich wohl sowohl für mich, als auch generell nicht eindeutig beantworten lassen. Es wird immer eine Vielzahl von Komponenten bzw. persönlichen Präferenzen sein, die zu Zuneigung oder Ablehnung führen. Bei Mühl fällt mir eine Entscheidung leicht, bei Wagner wird das schon schwieriger und wie ich es mit dem Clapton halten werde steht noch in den Sternen.

Aber es wird keinesfalls ein Fehler sein, sich dabei an folgendem zu orientieren: „Before You Accuse Me, Take a Look at Yourself“ (Original von Bo Diddley, 1957)

In diesem Sinne:

Bleibt´s xund und losst´s eich nix gfoin!

Passt´s auf eich auf und wehrt´s eich!

P.S.:

Zwei Bilder – gleiche Zeit, am selben Ort.

If confirmed, today’s 50.7ºC at Onslow Airport in WA was the equal highest temperature on record in the Southern Hemisphere.

Ein Bild bekommt massive mediale Aufmerksamkeit, eines kaum. – Ein Bild ist extrem relevant, eines nicht. Leider korrelieren hier Aufmerksamkeit und Relevanz nicht wie sie sollten.

Es ist erstaunlich welches Aufsehen weltweit um das Visum für einen Tennisspieler gemacht wird.

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1 thought on “Die Affäre D.

  1. Vollkommen richtig, dass Serbien die zwei Känguruhs aus dem Zoo abschob.

    Wenn Djoki nicht nach Australien einreisen darf, um dort Tennis zu spielen, sollen die australischen Känguruhs auch nicht in Serbien bleiben dürfen, um dort in einem Tennismtach erfolgreich zu sein.
    Aug um Aug, Zahn um Zahn.

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