Gross ist die Empörung und Aufregung um „Baby-Hitler“ und den „Crash-Kurz

Das Satiremagazin „titanic“ verunglimpft den neuen schon „Fast-Bundeskanzler“, gibt ihn sozusagen zum „Abschuss“ frei und stellt ihn in die Nähe zum Crash-Auto von Jörg Haider.

 

 

„Jo dirfens den des?“

 

Geschmacklos, „sowas dummes“ oder „das gehört verboten“ sind noch die harmlosesten Kommentare.

Da ist dann schon einmal zu lesen:

„titanic hat sich redlich besuch a-la charly hebdo verdient, das was die abliefern muss endlich mal honoriert werden.“

 

Es stellt sich heraus:

Satire halten jeweils jene für schlechten Geschmack, die auf Seiten der durch den Kakao gezogenen stehen.

Keine neue Erkenntnis. Alles schon dagewesen.

 

Das sich zur Staatsaffäre ausgeweitete Schmähgedicht von Böhmermann ist noch in guter Erinnerung.

Ach, was haben wir gelacht über den Ziegenficker. Vor allem jene, die sich jetzt so empört zeigen.

 

Sackdoof, feige und verklemmt,
ist Erdogan, der Präsident.
Sein Gelöt stinkt schlimm nach Döner,
selbst ein Schweinefurz riecht schöner.
Er ist der Mann, der Mädchen schlägt
und dabei Gummimasken trägt.

Am liebsten mag er Ziegen ficken
und Minderheiten unterdrücken,
Kurden treten, Christen hauen
und dabei Kinderpornos schauen.
Und selbst abends heißts statt schlafen,
Fellatio mit hundert Schafen.
Ja, Erdogan ist voll und ganz,
ein Präsident mit kleinem Schwanz.

Jeden Türken hört man flöten,
die dumme Sau hat Schrumpelklöten.
Von Ankara bis Istanbul
weiß jeder, dieser Mann ist schwul,
pervers, verlaust und zoophil –
Recep Fritzl Priklopil.
Sein Kopf so leer wie seine Eier,
der Star auf jeder Gangbang-Feier.
Bis der Schwanz beim Pinkeln brennt,
das ist Recep Erdogan, der türkische Präsident.

 

Schon Friedrich Schiller schrieb:

„In der Satire wird die Wirklichkeit als Mangel dem Ideal als der höchsten Realität gegenübergestellt.“ Die beobachtbare Realität wird an einem Ideal gemessen und dieses Ideal drückt sich in der Negation, in der ironischen Überzeichnung des Gegenteils aus.

 

Die Geschichte der Satire und die dazugehörige Empörung ist lang und vielfältig.

 

Durch treffende Satire fühlt sich irgendjemand immer beleidigt. Systemimmanent sozusagen.

Das zeichnet gute Satire aus.

 

Seien es engstirnige Islamisten wie im Falle Charlie Hebdo oder erzkonservative Christen wie im Falle „Das Leben des Jesus“ von Haderer.

Mit unterschiedlichen – wie im Falle von Charlie Hebdo tragischen – Folgen.

Strafanzeigen und auch Verurteilungen sind somit  kalkulierbarer Teil von Satire.

Ebenso wie dies Teil zeitgenössischer Kunst ist, wie zb. der Skandal um Bernhards „Heldenplatz“ zeigt oder einer Skulptur mit erigiertem Penis die in Salzburg für Wirbel sorgte.

 

Und „titanic“ hat Tradition und Erfahrung im Umgang mit Provokation und den darauf folgenden Empörungen mit den dazugehören Strafanzeigen. 18 Stück im Falle des am Kreuze hängenden Jesu, dem einer geblasen wird.

 

Sogar die Aufführung „Das Leben des Brian“ sorgte für einen Skandal.

 

Früher verschmäht und bekämpft, jetzt (fast) allseits beliebt und bekannt auch der „Godfather“ der provokanten, satirischen Karikatur und Katzenliebhaber Manfred Deix. Auch er Auslöser von Skandalen, nun Schwerpunkt eines Museums und sein Name hat sogar Eingang in den Duden gefunden (Deix-Figuren)

 

 

Legendär auch Helmut Qualtinger.

Gross war die Aufregung, als sein „Herr Karl“ 1961 mittels TV in die behaglichen Wohnzimmer der ÖsterreicherInnen trat und ein Spiegelbild der österreichsichen Opportunistenseele ablieferte. Seine Bestandaufnahme von Herrn und Frau Österreicher ist aktueller denn je.

Einen besonderen Streich spielte Qualtinger auch, als er in der Rolle des „berühmten Eskimodichters Kobuk“ die Wiener Journaille aufs Glatteis führte.

Am 3. Juli 1951 fanden sich demgemäß am Wiener Westbahnhof Reporter und Fotografen ein, um die Ankunft des offenbar vom PEN-Club eingeladenen Autors zu dokumentieren. Dem Zug entstieg Qualtinger im Pelzmantel und mit Pelzmütze. Die Frage, wie ihm Wien gefalle, beantwortete er mit „Haas is’s!“ („Heiß ist es!“).

 

Diese Beispiele erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit und liessen sich mit vielen weiteren in- und ausländischen Begebenheiten aus aller Welt ergänzen.

 

Womit wir uns der Frage nähern: Was darf Satire?

 

Und da brauch ich mich nicht weiter bemühen, um irgendwelche Argumente zu finden.

Die letztendlich gültige Antwort darauf hat der grosse österreichische Journalist und Schriftsteller Kurt Tucholsky in einer Art und Weise formuliert, die jeden weiteren Versuch diese Frage zu beantworten überflüssig macht.

 

Was darf die Satire?

Frau Vockerat: «Aber man muß doch seine Freude haben können an der Kunst.»
Johannes: «Man kann viel mehr haben an der Kunst als seine Freude.»
Gerhart Hauptmann
Wenn einer bei uns einen guten politischen Witz macht, dann sitzt halb Deutschland auf dem Sofa und nimmt übel.

Satire scheint eine durchaus negative Sache. Sie sagt: „Nein!“ Eine Satire, die zur Zeichnung einer Kriegsanleihe auffordert, ist keine. Die Satire beißt, lacht, pfeift und trommelt die große, bunte Landsknechtstrommel gegen alles, was stockt und träge ist.

Satire ist eine durchaus positive Sache. Nirgends verrät sich der Charakterlose schneller als hier, nirgends zeigt sich fixer, was ein gewissenloser Hanswurst ist, einer, der heute den angreift und morgen den.

Der Satiriker ist ein gekränkter Idealist: er will die Welt gut haben, sie ist schlecht, und nun rennt er gegen das Schlechte an.

Die Satire eines charaktervollen Künstlers, der um des Guten willen kämpft, verdient also nicht diese bürgerliche Nichtachtung und das empörte Fauchen, mit dem hierzulande diese Kunst abgetan wird.

Vor allem macht der Deutsche einen Fehler: er verwechselt das Dargestellte mit dem Darstellenden. Wenn ich die Folgen der Trunksucht aufzeigen will, also dieses Laster bekämpfe, so kann ich das nicht mit frommen Bibelsprüchen, sondern ich werde es am wirksamsten durch die packende Darstellung eines Mannes tun, der hoffnungslos betrunken ist. Ich hebe den Vorhang auf, der schonend über die Fäulnis gebreitet war, und sage: „Seht!“ – In Deutschland nennt man dergleichen ‚Kraßheit‘. Aber Trunksucht ist ein böses Ding, sie schädigt das Volk, und nur schonungslose Wahrheit kann da helfen. Und so ist das damals mit dem Weberelend gewesen, und mit der Prostitution ist es noch heute so.

Der Einfluß Krähwinkels hat die deutsche Satire in ihren so dürftigen Grenzen gehalten. Große Themen scheiden nahezu völlig aus. Der einzige ‚Simplicissimus‘ hat damals, als er noch die große, rote Bulldogge rechtens im Wappen führte, an all die deutschen Heiligtümer zu rühren gewagt: an den prügelnden Unteroffizier, an den stockfleckigen Bürokraten, an den Rohrstockpauker und an das Straßenmädchen, an den fettherzigen Unternehmer und an den näselnden Offizier. Nun kann man gewiß über all diese Themen denken wie man mag, und es ist jedem unbenommen, einen Angriff für ungerechtfertigt und einen anderen für übertrieben zu halten, aber die Berechtigung eines ehrlichen Mannes, die Zeit zu peitschen, darf nicht mit dicken Worten zunichte gemacht werden.

Übertreibt die Satire? Die Satire muß übertreiben und ist ihrem tiefsten Wesen nach ungerecht. Sie bläst die Wahrheit auf, damit sie deutlicher wird, und sie kann gar nicht anders arbeiten als nach dem Bibelwort: Es leiden die Gerechten mit den Ungerechten.

Aber nun sitzt zutiefst im Deutschen die leidige Angewohnheit, nicht in Individuen, sondern in Ständen, in Korporationen zu denken und aufzutreten, und wehe, wenn du einer dieser zu nahe trittst. Warum sind unsere Witzblätter, unsere Lustspiele, unsere Komödien und unsere Filme so mager? Weil keiner wagt, dem dicken Kraken an den Leib zu gehen, der das ganze Land bedrückt und dahockt: fett, faul und lebenstötend.

Nicht einmal dem Landesfeind gegenüber hat sich die deutsche Satire herausgetraut. Wir sollten gewiß nicht den scheußlichen unter den französischen Kriegskarikaturen nacheifern, aber welche Kraft lag in denen, welch elementare Wut, welcher Wurf und welche Wirkung! Freilich: sie scheuten vor gar nichts zurück. Daneben hingen unsere bescheidenen Rechentafeln über U-Boot-Zahlen, taten niemandem etwas zuleide und wurden von keinem Menschen gelesen.

Wir sollten nicht so kleinlich sein. Wir alle – Volksschullehrer und Kaufleute und Professoren und Redakteure und Musiker und Ärzte und Beamte und Frauen und Volksbeauftragte – wir alle haben Fehler und komische Seiten und kleine und große Schwächen. Und wir müssen nun nicht immer gleich aufbegehren (‚Schlächtermeister, wahret eure heiligsten Güter!‘), wenn einer wirklich einmal einen guten Witz über uns reißt. Boshaft kann er sein, aber ehrlich soll er sein. Das ist kein rechter Mann und kein rechter Stand, der nicht einen ordentlichen Puff vertragen kann. Er mag sich mit denselben Mitteln dagegen wehren, er mag widerschlagen – aber er wende nicht verletzt, empört, gekränkt das Haupt. Es wehte bei uns im öffentlichen Leben ein reinerer Wind, wenn nicht alle übel nähmen.

So aber schwillt ständischer Dünkel zum Größenwahn an. Der deutsche Satiriker tanzt zwischen Berufsständen, Klassen, Konfessionen und Lokaleinrichtungen einen ständigen Eiertanz. Das ist gewiß recht graziös, aber auf die Dauer etwas ermüdend. Die echte Satire ist blutreinigend: und wer gesundes Blut hat, der hat auch einen reinen Teint.

Was darf die Satire?

Alles.

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