Für viel Aufsehen hat wieder einmal Papst Franziskus I. mit seiner Rede am Ostersonntag gesorgt. Er fordert, einkommesschwachen Berufstätigen nach Überwindng der Corona-Krise ein Grundeinkommen zuzugestehen.

Vielerorts wird diese Forderung gleich in eine Forderung nach einem Bedingungslosen GrundEinkommen umgedeutet.

Aber NEIN, das hat der Papst nicht gefordert.

Ein ähnliches „Missverständnis“ wie es bereits bezüglich der Diskussionen in Spanien und schon vor längerer Zeit in Italien entstanden ist.

Was da zur Diskussion gestellt bzw. gefordert und in Italien bereits umgesetzt wurde, entspricht in etwa der bei uns bestehenden Mindestsicherung.

Trotzdem ist diese Forderung bemerkenswert und entspricht wohl seinen Wurzeln in Buenos Aires wo er als „Kardinal der Armen“ bekannt wurde und der sich auf lateinamerikanische Befreiungstheologen beruft.

Nicht zum ersten Mal macht sich dieser Papst für die Armen stark und kritisiert den Kapitalismus und seine Folgen in einer Deutlichkeit, wie sie sonst nur von Marxisten, Humanisten, Anarchisten oder Jean Ziegler zu hören ist:

„Diese Wirtschaft tötet“.

Er macht das geldzentrierte Wirtschaftssystem für Armut und Ausgrenzung in der Welt verantwortlich. Er prangert Offshore-Steueroasen und Finanzinstrumente wie Derivate als äußerst unmoralisch an und stemmt sich gegen Tendenzen, die Banken wieder von den etwas strafferen Regeln zu „befreien“. Er kritisiert die „Wegwerfkultur“, die im Namen des Geldes Arme, Schwache und Randgruppen ausgrenze und zugleich die Umwelt zerstöre.

„Wir können nicht ignorieren, dass ein so strukturiertes Wirtschaftssystem tötet, weil es das Geld in den Mittelpunkt stellt und nur dem Geld gehorcht“

Alles drehe sich um Konkurrenzfähigkeit und das Gesetz des Stärkeren.

Der Mensch an sich wird wie ein Konsumgut betrachtet, das man gebrauchen und dann wegwerfen kann.

Ebenfalls sehr deutlich macht er auch immer wieder seinen Standpunkt in Bezug auf die weltweiten Fluchtbewegungen.

„Zählt auf mich“

schrieb Papst Franziskus der italienischen Hilfsorganisation Mediterranea. die die erschwerten Bedingungen der Seenotrettung kritisiert hatte.

Man kann nicht hinnehmen, dass das Mittelmeer zu einem großen Friedhof wird! Auf den Kähnen, die täglich an den europäischen Küsten landen, sind Männer und Frauen, die Aufnahme und Hilfe brauchen.

Ansprache an das EU-Parlament in Straßburg am 25. November 2014

Der Umgang mit Migranten und Flüchtlingen ist seiner Meinung eine Schlüsselfrage für die Zukunft der Menschheit. So seien auch die globalen Ziele einer nachhaltigen Entwicklung ohne Aufnahme und Integration von Migranten nicht zu erreichen. Im Umgang mit Migranten gehe es um menschliche Ängste, um Nächstenliebe, Menschlichkeit, darum, niemanden auszuschließen.

Die Präsenz von Migranten entlarve den Mythos eines Fortschritts für wenige, der auf der Ausbeutung von vielen beruhe. „Migranten, vor allem die besonders schutzlosen, helfen uns, die Zeichen der Zeit zu lesen“. Er nennt den „wachsenden Trend zu extremem Individualismus“ die „Globalisierung der Gleichgültigkeit“.

„Ach, wie sehr möchte ich eine arme Kirche und eine Kirche der Armen!“

Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube.

Johann Wolfgang von Goethe – Faust

Dieser Pontifex verkörpert wie kaum jemand sonst die Widersprüchlichkeiten dieser Glaubensgemeinschaft.

So lebt er glaubwürdig in einem einfachen Appartement ohne Luxus.

Damit drückt er auch aus, was sich die meisten Gläubigen sich von ihrer Kirche wünschen.

Eine Kirche, die glaubwürdig an ihrer Seite steht, materiell ihre Armut lindert und ihnen darüber hinaus hilft, dass sie sich aus der Armut befreien können – also eine Kirche, die Hilfswerke, Krankenhäuser und Schulen unterhält und effektive Anwaltschaft für die Armen betreibt.

Das passt auf Papst Franziskus. Aber passt das auch für die röm. kath. Kirche als Institution?

Er lebt auch in einer Umgebung von Protz und Prunk

In einem Umfeld, dass nicht gewillt ist seinem Beispiel zu folgen.

Die röm. kath. Kirche verkauft weder den Vatikan noch ihre Kunstschätze. Sie schliesst die Vatikanbank nicht, sondern reformiert sie.

Ein Blick auf das Vermögen des Gottesstaates zeigt – es handelt sich dabei um Schätzungen (lt. dem katholischen Nachrichtensender Domradio),  genaue Angaben sucht man vergebens –  dass das Vermögen des Vatikans bis zu 12 Milliarden Euro beträgt. So teilte der Vatikan z.B. 2015 mit, dass das Vermögen des Heiligen Stuhls um 939 Millionen Euro gewachsen sei.

Dabei geht es ja nicht nur um den Vatikan. So dürfte die Kirche in Deutschland noch deutlich vermögender sein. Die römisch-katholische Kirche ist mit 8250 km² Grundeigentum größter privater Grundbesitzer in Deutschland. Schätzungen zufolge belief sich das Vermögen der katholischen Kirche 2013 auf bis zu 200 Milliarden Euro.

Für Österreich belaufen sich diese Schätzungen auf 4,5 Milliarden.

Das „Geschäft mit der Armut“

Ist es nicht einfach so, dass das Kapitel Armut von der Amtskirche an die Caritas ausgelagert wurde? Mit dem Ergebnis, dass die Caritas von einer spendenfinanzierten Organisation zu einem Dienstleistungsunternehmen, finanziert von der öffentlichen Hand, wurde? Nur mehr 8 % (2017) wurden durch Spenden (inkl. Kirchenbeiträgen) finanziert.

Die heilige Zweifaltigkeit

Eine Widersprüchlichkeit, die sich aber nicht nur im persönlichen Anspruch des Papstes und dem tatsächlichen Vorgehen der Institution Kirche zeigt, sondern auch in der Person des Papstes selbst.

Ich möcht‘ mich einmal mit mir selbst zusammensetzen nur um zu sehen, wer der Stärkere is, ich oder ich.

Johann Nepomuk Nestroy – Judith und Holofernes

Immerhin schafft er es in einem einzigen Tweet das Töten im Krieg und die Nöte von Frauen die zu Abtreibungen gezwungen sind auf eine Stufe zu stellen.

Da passt es dann auch dazu eine Abtreibung mit einem Auftragsmod zu vergleichen und den durchführenden Arzt dementsprechend mit einem Auftragsmörder gleichzustellen?

Wörtlich sagte er im Zusammenhang mit Abtreibung: „Ist es richtig, einen Auftragsmörder anzuheuern, um ein Problem zu lösen?

Wie überhaupt sein Zugang zur Weiblichkeit ebenfalls im südamerikanischen Machismus wurzeln dürfte. Warnte der Papst doch vor einer Orientierung an weiblichen Führungskräften in Konzernen, wo Frauen oft ihre spezifischen Begabungen zugunsten männlicher Verhaltensweisen missachteten, und er sprach wörtlich von einer „Machismo im Rock„. Auch wenn er sich wiederholt für mehr  Frauen in Leitungsverantwortung in der katholischen Kirche ausgesprochen hat, sieht er diese größere Verantwortung nicht gleichbedeutend mit Weiheämtern. Maria sei in der Kirche wichtiger als alle Päpste, erläuterte der Papst, was er darunter verstehe.

Womit wir bei einer weiteren ziemlich „gestrigen“ und in keiner Weise akzeptablen Aussage des als fortschrittlich geltenden Papstes angelangt sind.

Neigt das eigene Kind zum gleichen Geschlecht helfen Gespräche, Gebete und die Psychiatrie. Das rät Franziskus Eltern, deren Kinder homosexuell sind.

Bei jüngeren Kindern mit homosexuellen Neigungen ließe sich „noch vieles machen, mit der Psychiatrie etwa, um zu sehen, wie die Dinge sich verhalten“, sagte das katholische Kirchenoberhaupt bei einer Pressekonferenz.

Und er ist in Sorge wegen Homosexueller in der Kirche „In unseren Gesellschaften scheint es gar, dass Homosexualität eine Mode ist.“

Der dunkelste Punkt

Dunkelster Punkt der modernen Kirchengeschichte ist der jahrzehntelange Missbrauch Tausender Minderjähriger durch Kleriker und der Umgang damit.

Franziskus hatte beim Anti-Missbrauch-Gipfel im Februar 2019 ein konsequentes Durchgreifen gegen Täter und das Ende der Vertuschung versprochen.

Sollte in der Kirche auch nur ein Missbrauchsfall ausfindig gemacht werden – was an sich schon eine Abscheulichkeit darstellt – so wird dieser Fall mit der größten Ernsthaftigkeit angegangen„.

Am Beispiel Bayern zeigt sich, dass den grossen Worten kaum Taten folgen.

Im Herbst 2018 machten erschreckenden Zahlen Schlagzeilen: Mindestens 3677 Minderjährige wurden in den Jahren 1946 bis 2014 von 1670 Klerikern missbraucht. Über Anderthalb Jahre nach Offenlegung des Skandals werden schlimmste Befürchtungen wahr: Kein einziger von Hunderten Tätern scheint bestraft zu werden. Von „Zensur“ ist die Rede. Fast alle Ermittlungen gegen verdächtige Kirchenleute wurden eingestellt.

International zeigt sich ein ähnliches Bild:

Anne Barrett Doyle von der US-Organisation Bishop Accountability zeigt auf: „In zahlreichen Ländern mit großer katholischer Bevölkerung wie Spanien, den Philippinen oder dem Kongo fungierten Bischöfe und Kardinäle nach wie vor als Bremser. In einigen Ländern bereiten zudem die Konkordate zwischen Vatikan und dem Staat Probleme. So verhinderten diese Übereinkommen etwa in Spanien und Italien noch immer einen angemessenen Zugriff staatlicher Behörden auf kirchliche Akten.

Auch das internationale Netzwerk von Missbrauchsopfern „Ending Clergy Abuse“ (ECA) äußert sich kritisch. Es gibt „offenbar keine wesentlichen oder bedeutenden Änderungen“ und immer noch zu wenige Konsequenzen für Bischöfe, die Missbrauch vertuschen.

Und das, obwohl Papst Franziskus die Kirchenrechtsnormen im Kampf gegen den sexuellen Missbrauch durch Geistliche drastisch verschärft hat. Das neue kirchliche Gesetz sieht neue Verfahrensweisen für die Strafanzeige vor und führt eine weltweite Anzeigepflicht ein. Erstmals regelt es die Untersuchung gegen Bischöfe, die Ermittlungen vertuscht oder verschleppt haben. Zudem müssen alle Diözesen bis spätestens Juni 2020 ein leicht zugängliches Meldesystem für Anzeigen einrichten. Das sogenannte Motu Proprio trägt den Titel „Vos estis lux mundi“ (Ihr seid das Licht der Welt).

Ganz offensichtlich sind die „systemerhaltenden beharrenden Kräfte“ innerhalb der Kirche grösser als das Durchsetzungsvermögen des Vertreters Gottes auf Erden.

Der Bischof von Rom ein Häretiker?

(Häresie ist im engeren Sinn eine Aussage oder Lehre, die im Widerspruch zu kirchlich-religiösen Glaubensgrundsätzen steht.)

Diese Zwiegespaltenheit hat noch eine andere Facette.

So wie „fortschrittliche“ Katholik*innen innerhalb der Kirche Anerkennung und Lob ähnlich der von „Linken“ oder Humanisten für die „menschlichen und christlichen“ Positionen des Papstes äussern, aber auch Kritik an den rückschrittlichen Aussagen, kommt auch Lob und Kritik von erzkonservativen, erzkatholischen und reaktionären Kritikern – in umgekehrter Richtung.

Sein Eintreten für Arme, für Flüchtende, seine Kapitalismuskritik stossen auf heftige Kritik.

Für seine Kritiker ist Franziskus ein theologischer Populist und seine Beliebtheit der schlagende Beweis für seinen Kniefall vor dem liberalen Zeitgeist. „Ist der Papst überhaupt Katholik?

Diese Papstgegner fürchten um die dogmatische Autorität der reinen Lehre und für sie ist dieses Kirchenoberhaupt ein Hochverräter.

Abschliessend und versöhnlich ein Zitat

„Den Papst als eine Art Superman zu zeichnen, eine Art Star, scheint mir beleidigend. Der Papst ist ein Mensch, der lacht, weint, ruhig schläft und Freunde hat wie alle. Ein normaler Mensch.“

Jose Mario Bergoglio – Interview des „Corriere della Sera“ im März 2014

Ich füge hinzu: das gilt Urbi et Orbi – Der Stadt (Rom) und dem Erdkreis

In diesem Sinne:

Bleibt´s gsund und losst´s eich nix gfoin!

Passt´s auf eich auf und wehrs eich!

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