Die meisten Menschen vergeuden ihr Leben durch einen ungesunden und übertriebenen Altruismus, ja, sind sogar genötigt, es zu vergeuden.

Oscar Wilde

 

ich also bin kein „linker“, weil ich so ein grosser menschenfreund bin. ich bin eher so der mieselsüchtige misanthrop.

das, was man in wien als grantscherm bezeichnet. von meinem gemüt her hätt ich eigentlich oberkellner in einem typischen wiener kaffeehaus werden sollen.

mir gehen wirklich viele menschen einfach auf den geist.

aus diversen gründen.

wenn sie ungewaschen sind,

wenn sie aufdringlich sind,

wenn sie sich dauernd herumlavieren,

wenn sie „meinen“ parklatz vor meinem haustor okkupieren,

wenn sie trotz leerer strassen die STVO zu genau nehmen,

wenn sie bei grünblinken an der ampel vor mir stehen bleiben,

wenn im theater einer vor mir sitzt, der so gross ist, dass meine sicht behindert ist,

wenn sie an der supermarktkassa im geldbörsel um den genauen centbetrag suchen,

wenn sie beim bäcker in der früh angesichts der auswahl in einen unendlichen entscheidungsnotstand verfallen

und es gibt noch unzählige gründe mehr und täglich kommt ein neuer dazu.

ich geh zwar nicht so weit wie der sowinetz:

I winsch‘ Eich oll’n an Hauf’n Gretz’n, an Zeck im Ohr, und den quwi quwi.

aber:

Olle Menschen samma z’wida, i mecht’s in de Gosch’n hau’n.

trifft zumindest zeitweise auf sehr viele zu.

 

wie kann also so einer wie ich als „linker“ durchgehen?

weil so ein richtiger „gutmensch“ bin ich jedenfalls keiner.

 

also ein teil ist sicher in meiner sozialisierung zu begründen.

vater hilfsarbeiter, mutter hausbesorgerin – aufgewachsen in der tiefsten brigittenau.

mit allem drum herum, was die gegend so zu bieten hatte.

inkl. dem „notwehr“ krista und dem „gschwinden“.

mein interesse an politik beschränkte sich allerdings auf den mai-aufmarsch und die wöchentlichen kinoaufführungen im parteilokal der spö vis-a-vis meines wohnhauses in der klosterneuburger strasse. der „fuzzy“ und buster keaton waren meine favorits.

ich hab dann als pubertierender schon mitgekriegt, was kreisky und broda für die entwicklung der gesellschaft bedeuteten, aber mehr haben mich eher die möglichkeiten interessiert ans andere geschlecht heranzukommen.

und irgendwann einmal, so am anfang meines berufslebens, hab ich mir vorgenommen „reich“ zu werden.

ich wollte mit 40 millionär sein (damals noch in schilling – aber immerhin) und bently zu fahren.

das ist sich auch fast ausgegangen.

zumindest was den umsatz betrifft sind doch schon einige milliönchen pro jahr zusammen gekommen.

und es war zwar kein rolls oder bently sondern ein ganz normaler audi V8 und ein 6er bmw. gleichzeitig.

gewählt hab ich allerhand – von den sozis über die grünen und das lif.

auch das ist jetzt schon ein paar jahreln her.

 

so alles in allem könnt ma sagen, ich hab die lebensaufgaben eines richtigen mannes erfüllt.

haus gebaut (bzw. bauen lassen) – baum gepflanzt – kind gezeugt (beides wirklich selbst erledigt).

 

das angeblich von churchill oder doch clemenceau stammende zitat: „Wer mit 20 Jahren nicht Sozialist ist, der hat kein Herz, wer es mit 40/50/60 Jahren noch ist, hat kein Hirn.“ ist auch keine grosse hilfe.

meiner selbsteinschätzung gemäss bin ich eher nicht so der herzliche typ sozialromantiker.

 

warum bin ich dann also ein linker?

i don´t believe in charity – i believe in solidarity

charity is so vertical. It goes from the top to the bottom. solidarity is horizontal. it respects the other person. 

Eduardo Galeano

 

ich will versuchen, das am thema spenden und mildtätigkeit aufzuzeigen.

 

und weil ich es nicht besser sagen könnte, zitier hier nochmals aus einem essay von oscar wilde:

 

Das wahre Ziel heißt, die Gesellschaft auf einer Grundlage neu zu errichten, die die Armut ausschließt. Und die altruistischen Tugenden haben wirklich die Erreichung dieses Zieles verhindert. Gerade wie die ärgsten Sklavenhalter diejenigen waren, die ihre Sklaven wohlwollend behandelten und dadurch verhindert haben, dass die Greuel des Systems von denen, die darunter litten, erkannt und von denen, die darüber nachdachten, verstanden wurden.

 

Es ist auch noch folgendes zu sagen. Es ist amoralisch, Privateigentum zur Milderung der schrecklichen Übelstände zu verwenden, die aus der Einrichtung des Privateigentums entspringen. Es ist nicht nur amoralisch, sondern auch unehrlich.

 

Wir bekommen oft zu hören, die Armen seien für Wohltaten dankbar. Einige von ihnen sind es ohne Zweifel, aber die besten unter den Armen sind niemals dankbar. Sie sind undankbar, unzufrieden, ungehorsam und rebellisch. Sie sind es mit vollem Recht. Die Mildtätigkeit empfinden sie als lächerlich unzulängliches Mittel einer Teilrückerstattung oder als sentimentale Almosen, gewöhnlich mit dem unverschämten Versuch des sentimentalen Spenders verbunden, über ihr Privatleben zu herrschen. Warum sollten sie dankbar sein für die Krumen, die vom Tisch des Reichen fallen? Sie selbst sollten beim Mahle sitzen. Was die Unzufriedenheit anbelangt, wer mit einer solchen Umgebung und einer so dürftigen Lebensführung nicht unzufrieden ist, müsste vollkommen abgestumpft sein. Wer die Geschichte gelesen hat, weiß, dass Ungehorsam die ursprüngliche Tugend des Menschen ist. Durch Ungehorsam ist der Fortschritt geweckt worden, durch Ungehorsam und durch Rebellion. Manchmal lobt man die Armen für ihre Sparsamkeit. Aber den Armen Sparsamkeit zu empfehlen, ist grotesk und beleidigend zugleich. Es ist, als gäbe man einem Verhungernden den Rat, weniger zu essen.

 

da könnts jetzt sein, dass einigen die empfehlung von kurz in den sinn kommt, sich doch eigentumswohnungen zu kaufen, wenn man sich die miete nicht leisten kann.

unser grossartiger unfehlbarer neuer bundeskanzler hat ja anlässlich der weihnachtsfeiertage wieder kostproben dieser geisteshaltung geboten. zb mit seiner gesichtswäsche bei licht ins dunkel oder bei der ausgabe der armensuppe der caritas.

 

womit wir bei einem weiteren punkt für meine „linke“ geisteshaltung sind.

judith shklar und ihr liberalismus der furcht.

Der Liberalismus der Furcht betrachtet den Missbrauch öffentlicher Macht in allen Regimes mit dem gleichen Unbehagen. Ihn beunruhigen die Exzesse der offiziellen Funktionsträger auf allen Ebenen des Staates und er unterstellt ihnen die Neigung, Arme und Schwache besonders stark zu belasten; das wird nur allzu deutlich, vergleicht man die Geschichte der Armen mit der Geschichte der Eliten. Jedes Blatt im Buch der politischen Geschichte rechtfertigt die Annahme zur Genüge, dass es immer Vertreter staatlicher Behörden geben wird, die sich im Grossen wie im Kleinen regelmässig gesetzwidrig und brutal verhalten werden, wenn man sie nicht daran hindert.

Systematische Furcht macht Freiheit unmöglich und nichts ist furchterregender als die Erwartung institutionalisierter Grausamkeit.

 

wer fühlt sich da nicht an die repressionen erinnert, die durch unsere neue regierung geplant sind. sei es die kürzung im sozialstaat oder die beschneidung der bürgerrechte?

 

weiter im text:

Sollte ich mich wie Cesare Beccaria anhören oder wie irgendein anderer Flüchtling aus dem 18. Jahrhundert, ist es gut möglich, dass ich die gleiche Art von Berichten über die Methoden von Regierungen gelesen habe wie sie. Die Auslandsnachrichten der New York Times genügen vollauf, ebenso wie die Beschreibungen der überall ungebrochenen Vorherrschaft von Rassismus, Xenophobie und systematischer Regierungsbrutalität. Es ist mir unverständlich, wie politische Theoretiker oder politisch wachsame Bürger solches ignorieren können und nicht dagegen Einspruch erheben.

 

diese zeilen sind aktueller denn je.

und darum bin ich ein linker!

 

in diesem sinne:

bleibt´s gsund und losst´s eich nix gfoin!

und passt´s auf eich auf!

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